Schatten tanzten in den engen Gängen von Grün Sieben. Das Licht in diesem Teil der Raumstation Babylon 5 war schwach. Überall zwischen den kahlen Wänden aus Metall, notdürftig mit Farbe gestrichen, die an manchen Stellen bereits abzublättern drohte, huschten Schatten. Hier konnten sich Diebe, Mörder oder verlorene Seelen verstecken, die auf dieser Station ihre Heimat gefunden hatten – oder nur Schatten, und das mochte das Schlimmste sein.
Lyta Alexanders karamellbraune Augen suchten nach Bewegungen in diesen Schattengebilden, die nicht mit flackernden Lichtquellen in Einklang zu bringen waren. Doch alles blieb ruhig, die Schatten schienen nichts weiter zu sein als Quellen von Dunkelheit, nichts darin schien sich zu bewegen.
Lyta stieß ihren angehaltenen Atem wieder aus, erst jetzt wurde sie sich ihrer Anspannung bewusst. Ein leichtes Pochen hinter ihrer Stirn erinnerte sie daran, dass sie nicht nur mit ihren Augen nach verdächtigen Personen Ausschau gehalten hatte, sondern auch mit ihren besonderen Talenten.
Sie war ein Telepath, einst Angehörige des Psi-Corps, heute eine Ausgestoßene, die jedoch an einer anderen Stelle des Universums eine neue Heimat gefunden hatte – ein neues Lebensziel, etwas von so universeller Wichtigkeit und etwas, das sie nicht verstand. Lyta fragte sich, ob sie je verstehen würde, was sie auf der Heimatwelt der Vorlonen gesehen hatte. Ob sie je begreifen würde, was diese mystischen Wesen waren. Sie wusste nur eines: Sie hatte Botschafter Kosh beschützen sollen und hatte dabei versagt.
Kosh war tot, oder war er es doch nicht? Hin und wieder berührte sie sein mentales Echo – nur Reste seiner Existenz an Bord dieser Station? Bruchteile von Gedanken, die in den Räumen drifteten wie Eisschollen auf einem Meer? Oder war er hier – war er immer hier gewesen?
Lyta schritt in den Korridor, ihre Stiefelabsätze erzeugten ein klirrendes Geräusch auf dem Metallgitter des Bodens. Hier an diesem Ort hatte sie eine Gänsehaut, sie fragte sich, was sie hierhergetrieben hatte.
„Eine Frage“, die Stimme des Mannes, der ihren Gedankengang beantwortete, ließ Lyta leise aufschreien. Sie hatte ihn nicht gehört und, schlimmer noch, sie hatte ihn nicht gefühlt!
Seit sie sich vom Psi-Corps befreit hatte, war sie nicht länger den Ritualen dieser Zunft verbunden. Sie trug keine Handschuhe mehr, um ungewollten telepathischen Kontakt zu vermeiden, wenn sie eine Person berührte. Sie trug nicht mehr das metallen schimmernde Abzeichen der Psi-Gilde. Und sie schirmte ihre telepathischen Fähigkeiten nicht mehr ab, wie es einst eine eherne Regel für sie gewesen war. In einem anderen Leben, ehe sie in das Licht gegriffen hatte, das Koshs Schutzanzug barg. In ein Licht, in dem sie Dinge gesehen hatte, die über den menschlichen Verstand hinausgingen.
Sie hatte mit einem sterbenden Vorlonen Kontakt aufgenommen, um ihn zu retten, um Babylon 5 zu retten und Commander Sinclair, dem man den Anschlag auf Koshs Leben hatte anhängen wollen. Sie hätte sich in diesem Licht verlieren können – stattdessen hatte sie sich gefunden – hatte sie Kosh gefunden, und nichts war danach mehr gewesen wie einst.
Sie hätte den Mann spüren müssen, ihre Sinne waren stets wachsam, so wie Kosh es ihr eingeschärft hatte.
Ein Mann trat aus den Schatten, hob in einer spöttischen Geste die Arme und zuckte vielsagend mit den Schultern. Er war hochgewachsen, in einen hellen Anzug gekleidet, und dennoch lagen Schatten um seine Schultern wie ein Mantel der Verdammnis. Sein schwarzes Haar trug er nach hinten gekämmt, die Symmetrie seines Gesichtes war auf männliche Weise schön. Doch in seinen dunklen Augen glänzte etwas, das nicht länger menschlich war – hinter dem Spott, hinter der Maske aus Fleisch und Blut.
Ein Lächeln glitt über die Lippen des Mannes und umspielte den sinnlichen Zug seines Mundes. Und dennoch, trotz seiner augenscheinlichen Attraktivität, war etwas Finsteres an ihm, etwas, das tiefer ging als Schatten.
„Meine Partner wollten nicht, dass Sie mich fühlen, Lyta!“ Seine Stimme war sanft, einschmeichelnd, die Stimme eines Verführers.
„Was wollen Sie von mir?“ Lyta gelang es nicht, das Zittern aus ihrer Stimme zu halten. Ihre Augen huschten suchend umher. Wo war die Notfallsprechanlage? Warum gab es keine Passanten auf diesem Korridor?
„Meine Partner bevorzugen eine gewisse Intimität, Lyta! Damit Sie mir die Frage stellen können!“
Lyta wich langsam zurück. Würde sie bis zum Lift kommen, ehe der Mann oder die Schatten um ihn herum sie ergreifen konnten? Doch sie zögerte. Sie wusste, von welcher Frage er sprach, sie wusste es in dem Augenblick, in dem sie ihn gesehen hatte.
„Morden“ – es war egal, woher sie plötzlich seinen Namen kannte, er brannte in ihrem Gehirn wie das Wissen um seine Taten.
Das Lächeln des Mannes wuchs in die Breite, er hob die Hand in einer auffordernden Geste.
„Sie haben Kosh getötet!“ Es war keine Frage mehr, es war eine Gewissheit. Zwar hatten nur die Schatten Kosh töten können, aber dieser Mann hatte ihnen die Tür geöffnet, hatte sie zu Kosh gelassen, er war das willige Werkzeug des Mordes gewesen.
Morden antwortete dennoch mit einem einzigen Wort: „Ja.“ Er zeigte ein strahlendes Lächeln.
Seltsame Geräusche und Töne drangen an Lytas Ohr, schrecklich in ihrer Modulation, wispernd und zischend, eine Melodie des Grauens.
„Und jetzt wollen meine Partner gerne Ihnen Fragen stellen, Lyta Alexander! Fragen über die Vorlonen und was Sie gesehen haben!“ Mordens Stimme war sanft wie sein Lächeln, und das machte es umso furchtbarer.
Lyta sammelte ihre telepathischen Kräfte und schleuderte sie Morden entgegen. Sie wartete nicht ab, ob sie Erfolg hatte, sondern warf sich herum und hetzte dem Eingang des Liftes zu.
Hinter ihr kreischten unmenschliche Stimmen, das Lächeln auf Mordens Gesicht war verschwunden, ein dünnes Blutrinnsal tropfte aus seiner Nase.
„Sie werden reden, Lyta! Bevor die Schatten Sie verschlingen, werden Sie reden, jeder redet!“ Mordens Stimme war nun nicht länger sanft und verführerisch, sie barg die Kälte jenseits von allem Vorstellbaren.
Das Licht im Korridor flackerte, die Schatten wallten auf, verschlangen das Licht und nahmen Form und Gestalt an.
Ein Schlag, nicht mit der Hand geführt, sondern mit der Kraft von Gedanken, die zu schrecklich waren, um sie auszusprechen, traf Lyta, schleuderte sie zu Boden und drohte ihr Bewusstsein zu zerschmettern.
„Nein, kein so leichter Ausweg!“ Morden kam näher, er sprach aus, was die Schatten wisperten und kreischten.
Lytas Nervensystem befand sich im Aufruhr, jeder Nerv, jeder Muskel schien in Millionen von Richtungen gleichzeitig gezogen zu werden. Dennoch kroch sie weiter, ihre Fingerspitzen berührten beinahe den Knopf des Fahrstuhles.
Dort gab es eine Kommleitung, dort gab es eine Notfallschaltung, dort war Sicherheit, dort war Licht!
Ein schwarzer Schuh, auf Hochglanz poliert, trat gegen ihren Arm, ehe sie die Chance hatte, den Kontakt zu berühren.
„Sie werden reden, Lyta, vielleicht werden Sie auch schreien, aber meine Partner und ich werden erfahren, was immer Sie auch mit Ihrem kleinen, menschlichen Verstand je aufgenommen haben!“ Mordens Gesicht nahm ihr die Sicht auf das Licht der Neonröhren, um ihn tanzten die Schatten.
Schatten, die Gestalt angenommen hatten – die Schatten waren auf der Station!
Das Universum von Lyta schrumpfte zusammen, nicht länger war da Licht, es gab auch nicht die Flucht in die Finsternis, es gab nur die Schatten und Mordens Augen – glänzend, dunkel, spöttisch – und hinter ihnen glänzte die Antwort auf das, was die Schatten wirklich waren, was sie bedeuteten, und Lyta schrie, solange sie noch den Atem dazu hatte.
* * * * *
Delenn bewegte sich unruhig im Schlaf, ihre Hände tasteten über die seidenen Bezüge ihrer Bettdecke.
Ihre Träume waren voller Schatten und Schmerz. Was für einen Preis würde sie bezahlen müssen für diesen Kampf, den sie führte? Jeder Krieg verlangte Opfer, jeder Krieg tötete die Unschuld.
Sie hatte ihr ganzes Leben nach Frieden gesucht, und nun fand sie sich an der Spitze einer Armee wieder, die gegen die Schatten kämpfte. Doch der Preis, so hoch er auch sein mochte, musste bezahlt werden, denn ein Universum in den Händen der Schatten war ein zu furchterregender Gedanke, um nicht alles zu tun, alles zu bezahlen, was es kosten mochte.
Ihr Leben, ihre Liebe – ja selbst ihre Seele, das alles würde sie opfern, wenn nötig.
„Die Schatten“ – Delenn schrak aus ihrem unruhigen Schlaf, ihr Herz pochte viel zu schnell, sie starrte in die Dunkelheit und rief nach dem Licht wie ein Kind, das sich im Dunkel verirrt hatte.
Erst als die Sensoren der Lichtregelung auf ihre Stimme reagierten und ihren Schlafraum in helles künstliches Licht tauchten, gelang es ihr wieder, ihren Atemrhythmus zu dämpfen und sich zur Ruhe zu zwingen.
Woher war dieser Ruf gekommen? Es war kein Traumgespinst, sondern ein Schrei gewesen, der direkt in ihr mentales Bewusstsein gestoßen worden war.
Schmerzhaft, voller Angst – Delenn barg ihre Hände an ihrem Herzen, ehe sie aufsprang und rasch in ihre Kleidung schlüpfte.
Sie war sich nun sicher, dass dies ein Ruf gewesen war, ein Hilfeschrei und mehr.
Sie rannte aus ihrem Quartier in der Hoffnung, nicht zu spät zu kommen.
* * * * *
John Sheridan, Captain der Raumstation Babylon 5, einst hochdekorierter Kriegsheld, nun losgesagter Rebell gegen die korrupte Erdregierung und Anführer der Ranger im Kampf gegen die Schatten, schlief ruhig wie ein kleines Kind.
Er hatte in den Jahren des Krieges gelernt, zu dieser Art von Schlaf zu finden.
Es war nie sicher für einen Soldaten, wann er das nächste Mal Schlaf fand, und so lernte man schnell die Stunden zu schätzen, die man fand, um seine Kräfte zu regenerieren.
Selbst in den ausweglosesten Situationen, inmitten von Schlachtfeldern, hatte er schlafen können, ohne dass Alpträume seine Ruhe störten.
Erst auf Babylon 5 hatte er kennengelernt, was Alpträume waren, dass sie mitten in einem Alptraum lebten.
„Not, Schmerz, Pein – HILFE“, Sheridan katapultierte sich aus dem Bett, kampfbereit. Er schüttelte den Kopf – ob er noch lange unter diesem Eindruck stehen würde, Koshs Stimme zu hören?
Der Vorlone war tot, gestorben, weil er einen Sieg gegen die Schatten benötigte, er hatte sich geopfert, und doch, war er wirklich gänzlich entschwunden?
Sheridan rieb sich über sein kurzes Nackenhaar, als der Türsummer auf einen späten Besucher aufmerksam machte.
Es verwunderte ihn nicht, Delenn vor seiner Tür zu sehen. Das lange, braune Haar der Minbari, die sich von allen ihrer Rasse unterschied und ein Bindeglied zwischen Menschen und Minbari war, war zerzaust, und in ihren Augen stand ein Schrecken, den Sheridan erst Sekunden zuvor ebenfalls verspürt hatte.
Es erschien ihm vollkommen natürlich zu sein, dass er sie in seine Arme schloss, und Delenn ließ sich in diese Umarmung und Wärme fallen.
„John, etwas passiert in diesem Moment, etwas Schreckliches, das uns alle in Gefahr bringt!“
Sie studierte sein Gesicht, in den Linien um seine Augen, in dem Hauch von Weiß in seinem dunklen Haar war sein Leben geschrieben, seine Größe und seine Schwäche.
Etwas, das ein aufmunterndes Lächeln sein sollte, aber missglückte, zuckte um seine Mundwinkel.
„Ich hatte einen seltsamen Traum“, erklärte er und wusste, dass dies nicht stimmte. Es war kein Traum, es war Koshs Stimme gewesen.
Delenn forschte in seinen graublauen Augen und wusste, was er verschwieg. Sie legte die Hände auf seinen breiten Brustkorb und sah zu ihm auf.
„Es war kein Traum“, erklärte sie ernsthaft, „wir müssen versuchen, den Ursprung des Rufes zu finden, John. Spürst du es nicht auch? Wir verlieren!“
Sheridan biss die Zähne zusammen, sie hatte recht, er hatte das Gefühl, dass sie dabei waren, etwas zu verlieren, das von essentieller Wichtigkeit war, um den Krieg zu gewinnen.
„Aber wo, Delenn? Wo?“
Seine Tür öffnete sich, als jemand den Code eingab und sich nicht die Zeit nahm, höflich zu sein.
Susan Ivanova stürmte mit bleichem Gesicht in sein Quartier. Es überraschte sie anscheinend keinesfalls, ihren Captain zusammen mit Delenn in einer Umarmung stehen zu sehen.
Sie selbst fühlte sich so furchtbar, dass sie eine Menge darum gegeben hätte, wenn sie jemand umarmt hätte.
„Grün Sieben“, die Worte kosteten sie Kraft, das Pochen hinter ihrer Stirn schien dazu geneigt, ihren Schädel in winzige Teile zu zersprengen.
Sheridan tauschte einen Blick mit Delenn, er fragte nicht, woher Susan dies wusste, sondern sie folgten der jungen Russin, die voraneilte. „Hatten Sie auch einen Traum, Susan?“ Delenn versuchte mit dem Ersten Offizier Schritt zu halten.
Das lange Haar der Russin war offen, so wie meist in ihrer Freizeit, aber sie trug die schwarze, neue Uniform.
„Nein“, Susan gab sich einsilbig, ihr Schädel schmerzte so, als würden ihr sämtliche Zähne einzeln gezogen.
Sie wollte keine Erklärungen abgeben, sie wollte nicht sagen, woher sie wusste, wohin sie eilen mussten.
Es hatte sie immer zutiefst erschreckt, die latenten telepathischen Kräfte ihrer Mutter zu besitzen. Sie hatte gesehen, wie ihre Mutter zu einem Drogenwrack mutiert war, ein Opfer des Psi-Corps, und sie hatte ihr ganzes Leben lang alles getan, um zu verheimlichen, was sie war.
Ein latenter Telepath.
Sie stürmte in den Aufzug, der sie nach Grün Sieben bringen würde, ihre Hand lag auf dem PPG – doch würden Plasmaenergiewaffen auch gegen Schatten wirksam sein?
Ivanova taumelte gegen die Wand des Liftes. „Susan“, Sheridans besorgte Stimme riss sie aus dem telepathischen Kontakt. „Wir müssen uns beeilen ... Lyta, die Schatten!“
Sie presste die Hände gegen ihre Stirn, so als könne sie so den Schmerz vertreiben.
* * * * *
Schmerz – jenseits von allem körperlichen. Die Schatten waren so allumfassend, und es gab so wenig Licht.
Lyta wusste nicht, ob sie noch einen Körper besaß, aber sie wusste, dass die Schatten an ihrer Existenz nagten, dass sie an ihrem Geist rüttelten, an den Erinnerungen an die Vorlonen und an ihrem Wissen über sie zerrten. Sie brachen durch ein geistiges Schutzschild nach dem anderen, sie suchten nach dem Licht, welches Lyta berührt, welches ihr Leben verändert hatte.
Sie suchten nach dem, was sie über Kosh wusste, über die Vorlonen, sie suchten nach dem, was das wichtigste Gut ihrer Seele war.
Und sie würden es finden.
Eine geistige Barriere nach der anderen, ein Schild nach dem anderen, ein Gedanke nach dem anderen wurde ihr genommen, zerschmettert, zerbrochen.
Sie durfte Kosh nicht verraten, sie war nicht dagewesen, um ihn zu retten oder zumindest für ihn zu sterben.
Aber sie würde lieber jetzt sterben, als sich den Schatten zu ergeben. Sie wollte sterben, ehe das Licht in ihr erlosch, ehe die Schatten es fraßen.
Ihre Gedanken zerfaserten wie ein dünnes Seil, welches über einen Stein scheuerte, es wurde immer weniger greifbar, es waren nur noch wenige Barrieren übrig.
Lyta sammelte all ihre verbliebene Kraft, all ihr Denken und Fühlen. Es hieß, ein Telepath könne sich selbst töten, allein durch die Kraft der Gedanken.
Wenn man stark genug war, könne man sich zu Tode wünschen. Lyta hoffte, dass sie stark genug war – bevor die letzte Barriere vor dem Licht brach.
„Nein“, Morden packte den Kragen von Lytas Blazer und zerrte die Frau hoch. Die Schatten kreischten ihre Wut hinaus.
„NEIN“ – Lyta riss die Augen auf. Diese Verneinung war nicht von Morden gekommen, diese Stimme kannte sie.
„Lebe, das ist deine Verpflichtung!“ Lytas Körper befand sich im Schockzustand, ihre Augen waren aufgerissen, ein kleines Blutrinnsal rann aus ihren Ohren, ihrer Nase, und selbst eine blutige Träne benetzte ihre Wange.
Sie sah Morden nicht mehr, dessen Gesicht wutverzerrt war, der Widerhall der Wut seiner Meister.
„Kosh“, sie war sich nicht sicher, ob sie es laut aussprach. Morden schüttelte sie.
„Kosh ist tot, und Sie werden auch sterben, Lyta!“
Doch sie hörte ihn nicht, es war unwichtig. Stattdessen sah sie das Licht zwischen all den Schatten.
Der Fahrstuhl hinter ihr gab einen klingenden Ton von sich, jemand kam.
Morden bleckte die Zähne, wie konnte jemand diesen Ort finden? Aber es war auch egal, bald würde es Babylon 5 nicht mehr geben.
Er starrte in Lytas aufgerissene Augen, und einen Sekundenbruchteil lang barst der Schutz seiner Meister, und er hatte das Gefühl, als würden seine Gedanken aus seinem Gehirn gerissen.
„Die Schatten kommen“ – Lytas mentaler Schrei war die letzte bewusste Handlung von ihr, ehe ihre Seele und ihr Geist Zuflucht suchten in der Dunkelheit, in der jedoch immer noch ein Licht wohnte.
* * * * *
„Die Schatten kommen“, Susan Ivanova hatte das Gefühl, unter dem mentalen Schlag zusammenzubrechen, aber im Grunde war die Stille, die darauf folgte, schlimmer.
Die Tür des Fahrstuhls glitt auf Grün Sieben zurück, der Korridor lag im Schatten. Die Neonleuchtröhren flackerten, gewannen dann jedoch an Helligkeit.
Die Schatten schienen sich wie eine Wand zurückzuziehen, blieben jedoch wie lauernde Schreckgespenster im hinteren Teil des Ganges.
„Lyta!“ Sheridan ging neben der auf dem Boden liegenden Telepathin in die Knie, Delenn an seiner Seite.
Ivanova hielt ihr PPG starr auf die Dunkelheit gerichtet. Bewegte sich dort etwas?
Sheridan blickte in Lytas Gesicht, die kleinen Blutrinnsale aus Nase und Ohren waren noch nicht versiegt. Ihr halblanges Haar hatte im Schein der Lampe fast dieselbe Farbe wie das vergossene Blut.
Seine Hand zitterte leicht, als er sie ausstreckte, um nach ihrem Puls zu suchen. Er bemerkte Delenns Blick und erwiderte ihn; sie beide wussten mit einer erschreckenden Sicherheit, dass, wenn Lyta tot war, sie eine Schlacht gegen die Schatten verloren hatten, vielleicht die entscheidende.
„Sie lebt“, Sheridan war seine Erleichterung anzuhören, „gerade noch!“ Er aktivierte sein Komlink. „Mediteam auf Grün Sieben!“, befahl er hart.
Susan Ivanova starrte noch immer in die Schatten, die sich wie eine lebende Wand am Ende des Korridors gesammelt zu haben schienen. Waren das wirklich nur Schatten?
Erzeugt von den schwachen Lampen? Oder war es etwas Lebendiges? Welche Form hatten die Schatten?
Es musste doch einen Grund geben, warum sie diesen Namen trugen. Ihre Fingerknöchel knackten, so fest hielt sie ihre Waffe.
Sheridan folgte ihrem Blick und zog sein PPG, er stand aus seiner über Lyta gebeugten Stellung auf und machte Anstalten, den Korridor hinabzugehen.
„John!“ Delenns Stimme vibrierte, es war Angst darin, Angst um ihn, wie Sheridan bewusst wurde.
Die Hand der Minbari war nach ihm ausgestreckt, in ihren Augen konnte er so viel lesen, Dinge, die sie beide noch nicht auszusprechen wagten, die aber dennoch da waren.
„Such nicht nach den Schatten, nicht hier und nicht allein!“ Sheridan zögerte, ihm war, als würde sich eine menschliche Silhouette in der Dunkelheit des Ganges bewegen.
Aber Delenns ausgestreckter Hand konnte er sich nicht entziehen, er umfasste sie sanft und blieb bei ihr.
Susan versuchte, ihre Hand mit der Waffe zu senken, aber sie vermochte es nicht. In ihrem Inneren brannte noch immer Lytas telepathischer Ruf: Die Schatten kamen, und sie hatte um Hilfe gerufen – doch wer sollte diesen Ruf beantworten?
In Schatten geborgen beobachtete Morden die kleine Gruppe, die sich um Lyta gesammelt hatte. Seine Fäuste waren geballt, wie gerne hätte er sie alle getötet.
Seine Meister wispernten in sein Ohr, mahnten ihn zur Geduld, und Morden gehorchte.
* * * * *
„Die Schatten kommen“ – der Schrei war laut und doch unhörbar. Die junge Frau erstarrte in ihrer Bewegung.
Sie rieb sich über ihre Stirn, sie wusste, wer diesen Schrei ausgestoßen hatte, eine unheimliche Menge von Lichtjahren entfernt.
Sie spürte das mentale Echo, so individuell wie ein Fingerabdruck, nur hätte sie diesen Ruf nie hören dürfen.
Solch einen Schrei über Lichtjahre zu senden, überstieg die Kraft jedes menschlichen Telepathen, und dennoch hatte sie ihn vernommen.
Warum sie?
Sie stand auf und trat an den Spiegel in ihrem Büro und musterte ihr Spiegelbild. Wer starrte ihr entgegen? Eine junge Frau mit langem blondem Haar, deren modisches Kostüm streng geschnitten war und dennoch ihre weiblichen Vorzüge unterstrich.
Sie streckte die rechte Hand aus, die in einen schwarzen Handschuh gehüllt war, und berührte das Spiegelbild.
Wen sah sie in diesem Spiegel? Talia Winters? Die Illusion einer codierten Persönlichkeit? Waren ihre Erinnerungen alle vollständig?
War die echte Talia eine Illusion oder die codierte, implantierte Persönlichkeit, als die sie Jahre auf Babylon 5 verbracht hatte?
Niemand hatte sie gefragt, als man ihr die Psi-Prägung einer fremden Persönlichkeit aufdrückte.
Sie hatte sich dem Willen des Corps unterworfen, das Corps war Vater und Mutter. Das hatte sie einst geschrien, zusammen mit dem Schwur, Lyta Alexander zu töten.
Aber was war mit den Menschen auf Babylon 5 gewesen, mit den Gefühlen, die Talia Winters mit ihnen verband?
Wessen Gefühle waren das?
Die einer echten Persönlichkeit oder die einer Illusion?
Das „Sleeperprogramm“ war ein Experiment. Es hieß, die implantierte Persönlichkeit würde, einmal geweckt, für immer die Herrschaft übernehmen.
Aber war dies wirklich so? Warum fühlte sie dann solche Dinge, warum waren dann die Zweifel da, die Angst und das Gefühl des Verlustes?
Hatte Ironheart etwas damit zu tun? Niemand wusste genau, welche Kräfte er entwickelt hatte.
Talia dachte an sein Geschenk, an die Münze, die sie nur mit der Kraft ihrer Gedanken hatte bewegen können. Eine Macht, die einem Telepathen ihrer Einstufung nicht zustand.
Was hatte Ironheart ihr noch geschenkt?
Hatte seine Berührung des Geistes mit ihrem etwas damit zu tun, dass sie zweifelte? Dass die Codierung nicht perfekt war?
Talia schob diese Gedanken beiseite und dachte an ihre Entscheidung, die sie unbewusst schon getroffen hatte.
Sie hatte nie gedacht, dass sie eines Tages nach Babylon 5 zurückkehren würde. Die Schrecken ihrer Entlarvung durch Lyta Alexander waren noch frisch in ihrem Gedächtnis, und dass gerade diese Person sie nun um Hilfe rief, verwunderte Talia.
Warum sie?
Wie konnte sie nach Babylon 5 zurückkehren? Man würde sie nicht mit offenen Armen empfangen. Talia verzog bitter ihre sinnlich geschwungenen Lippen.
Sie hatte gehofft, nie wieder mit Susan Ivanova zusammenzutreffen, sich nie mehr den Gefühlen stellen zu müssen, die sie mit ihr verbunden hatte.
Waren das nur die Gefühle der früheren Talia gewesen oder auch die der implantierten Psi-Agentin?
Welche Chance hatte sie, auf Babylon 5 zu bestehen, wenn der gesamte Kommandostab sie hasste?
„Talia“, Besters Gedanken kündigten ihn an, ehe er die Tür zu ihrem Büro öffnete. Sie erhaschte unter seiner eisigen Ruhe eine Spur von Angst. Er hatte den Ruf also auch vernommen, doch er war nicht derjenige, der gerufen worden war.
Ihr Vorgesetzter betrat den Raum. Ganz in Schwarz wirkte er noch kälter als ohnehin schon.
In seinen Augen hatte sie nie ein Gefühl gesehen, auch wenn er sich den Anschein von Sanftheit und Anteilnahme geben konnte.
Er schloss die Tür hinter sich, und Talia fürchtete sich vor dem, was er ihr sagen würde.