Commilitones 5 - Tod und Teufel

von Severin Sesachar

Entzogene Gunst

Ohne Zweifel verhält sich die Wahrheit zur Lüge
wie das Licht zur Finsternis.
Leonardo da Vinci (1452 – 1519)

  

KAPITEL 1
ENTZOGENE GUNST

 

„Was verschafft mir die Ehre Eures Besuchs?“

Girolamo Riario musterte den Mann, der mit im Rücken verschränkten Händen vor dem Kamin des Audienzzimmers stand und die tanzenden Flammen betrachtete.

„Ihr Vater schickt mich.“

Riario schnappte nach Luft. „Ich bitte um etwas mehr Diskretion!“

„Wozu? Ist es etwa zu Ihrem Nutzen, dass Seine Heiligkeit vor Gott lügt, um den Weltlichen zu gefallen?“

Der Mann wandte den Kopf. Riario blickte in ein Gesicht, das einmal attraktiv gewesen sein musste, lange bevor es in den Jahren der Dekadenz als Vizekanzler der Heiligen Römischen Kirche aufgegangen war wie Hefeteig. Rodrigo Borgia pflegte seine wohlgenährte Gestalt so sehr wie seine Garderobe. Er trug ein Gewand aus rotem Samt und eine Goldkette, an der ein mit Rubinen besetztes Tatzenkreuz hing. Bescheidenheit gehörte nicht zu Borgias Stärken, so wenig wie diplomatisches Taktgefühl. Zumindest Riario gegenüber zeigte er seit geraumer Zeit keines mehr.

„Ihr wisst, dass es dem Ansehen des Papstes schadet, wenn bekannt wird, dass er Kinder hat“, sagte Riario.

„Wenn Sie mich fragen, sind Lügen schwerwiegender als Fleischeslust“, erwiderte Borgia. „Bedauerlicherweise fällt bei Ihrer Familie der Apfel nicht weit vom Stamm.“

„Was soll das heißen?“

„Dass Sie mich getäuscht haben, Girolamo.“

„Ich verstehe nicht …“

Borgia griff in seinen Ärmel und förderte einen Brief zutage. „Das hier habe ich letzten Freitag erhalten. Interessiert es Sie, was darin steht?“

„Ihr möchtet offenbar, dass es mich interessiert“, sagte Riario.

„Der Brief stammt von einem unserer Mittelsmänner in Mailand. Ich habe ihm vor drei Jahren zu einem Amt in der Stadtverwaltung verholfen, damit er uns über Aktivitäten unserer Feinde auf dem Laufenden halten kann. Sein Name ist Adelmo Tozzi. Ich bin mir sicher, Sie haben von ihm gehört.“

„Wie kommt Ihr darauf?“

„Das kann ich Ihnen vorlesen.“ Borgia trat näher ans Feuer und entfaltete das Papier. „Adelmo schreibt: Im September kam Sandro Gennari zu mir, im Auftrag des Hauptmanns der päpstlichen Armee, und verlangte die Adressen zweier nach Mailand ausgewanderter Florentiner, namentlich Leonardo di Ser Piero da Vinci und Ezio Auditore da Firenze. Ich habe versucht, ihm zu Diensten zu sein, konnte im Melderegister jedoch keine Übereinstimmungen finden. Also ließ ich die Familiennamen außer acht, sammelte alle Adressen von kürzlich zugezogenen Leonardos und Ezios aus Florenz und übermittelte sie Gennari. Zwei Wochen später, am 7. Oktober, trat der Privatsekretär des Moro an mich heran und gab mir zu verstehen, dass er von meinem Treiben Kenntnis erlangt habe. Zur Strafe für die Weitergabe behördlicher Informationen an unbefugte Dritte entließ er mich meines Amtes. Darüber hinaus teilte er mir mit, dass die Signori da Vinci und Auditore den persönlichen Schutz des Moro genießen und jegliches Vorgehen gegen sie als Angriff auf die Herzogfamilie gewertet wird. Ich suchte Gennari in seiner Unterkunft auf, um ihn zur Rede zu stellen, musste jedoch erfahren, dass er nicht mehr zugegen war. Der Wirt berichtete mir, Gennari am Vorabend zum letzten Mal gesehen zu haben. Sein Zimmer sei leer und seine Habe verschwunden. Nun stehe ich da, ohne Amt und ohne Sold, und weiß mir nicht zu helfen.“ Borgia ließ den Brief sinken. Seine Miene war finster. „Erklären Sie sich, Girolamo. Wie kann es sein, dass Gennari in Mailand war, wenn ich Ihnen doch ausdrücklich befohlen hatte, ihn zu mir zu schicken?“

Riario spürte, wie sein Mund trocken wurde. „Er wird auch pünktlich zu San Martino bei Euch sein, Eure Eminenz“, versicherte er, „denn genau das habe ich ihm aufgetragen: Er sollte Venedig verlassen und bis zum genannten Datum nach Rom reisen. Er hat dafür ja noch ein paar Tage Zeit, nicht wahr?“

„Ich fürchte, dass Zeit für Gennari keine Rolle mehr spielt.“ Borgia seufzte. „Cavolo, Girolamo! Sie bedienen sich meiner besten Männer und den Geldern des Vatikans, um Ihre privaten Animositäten auszuleben. Sie hatten mehrmals Gelegenheit, Leonardo und Auditore zu töten, haben aber stets versagt. Inzwischen ist es verletzter Stolz, der Sie antreibt, mit der bedauerlichen Konsequenz, dass Sie damit sowohl gegen meine Interessen als auch die Ihres Vaters arbeiten.“

„Lasst meinen Vater da raus!“, fauchte Riario.

„Das werde ich nicht, denn er hat Ihnen zwei Herzogtümer verschafft, um Sie nach seinem Ableben versorgt zu wissen. Anstatt es ihm zu danken, vernachlässigen Sie sowohl Imola als auch Forlì und lassen die Ländereien verkommen. Seine Heiligkeit beginnt sich zu fragen, ob Sie Ferrara, das er ebenfalls für Sie zu erobern trachtet, überhaupt verdienen, denn statt ihn in seinem Bestreben zu unterstützen, verschwenden Sie Zeit und Mittel für Ihre fruchtlosen Scharmützel!“ Borgia machte einen Schritt auf Riario zu und senkte die Stimme. „Ich warne Sie. Wenn Sie so weitermachen, muss ich Ihren Platz in unseren Reihen ernsthaft überdenken.“

„A-aber ich handle doch im Interesse des Ordens!“, stammelte Riario. „Ich tue alles, um den Apfel zu finden. Für den großen Plan. Und für Euch.“

„Und warum halten Sie es dabei für nötig, Einsätze hinter meinem Rücken zu koordinieren?“ Borgia reckte das Kinn. „Sie verspielen mein Vertrauen, Girolamo.“

„Das ist nicht meine Absicht. Wir haben doch dieselben Ziele.“

„Haben wir das?“ Für mehrere Atemzüge herrschte eisiges Schweigen, dann wandte sich Borgia wieder dem Kamin zu. „Wo sind die Kodexseiten, die ich in Ihre Obhut gegeben habe?“

„Sie sind gut versteckt“, versicherte Riario. „Niemand weiß, wo sie sind. Nicht einmal meine Frau.“

„Sorgen Sie dafür, dass es so bleibt“, sagte Borgia. „Ich hoffe, Ihnen ist bewusst, in welche Lage Sie sich gebracht haben. Handeln Sie fortan klug. Es könnte Sie sonst den Kopf kosten.“

„Ihr droht mir?“, fragte Riario.

„Ich gebe Ihnen lediglich einen guten Rat, denn anders als Sie habe ich gelernt, meine Gegner nicht zu unterschätzen. Lassen Sie die Finger von Mailand und legen Sie sich nicht mit Männern an, die Ihnen überlegen sind. Buona fortuna.“

Mit diesen Worten wandte sich Borgia zum Gehen. Er trat zur Tür, schob den Riegel zurück und verschwand bald darauf im Flur. Mit geballten Fäusten lauschte Riario seinen Schritten, die sich fast ein wenig zu gemächlich entfernten.

 

***

 

Die Nacht senkte sich auf Mailand herab, genährt vom Nebel, der über dem Naviglio Grande hing. Er verwandelte die Häuserreihen am jenseitigen Ufer in konturlose Schatten und ihre Laternen in Irrlichter, die durch die Luft tanzten. So einsam, wie sich Daniele Guicciardini bei ihrem Anblick fühlte, hätte er auch auf einem entlegenen Berggipfel leben können, nur dass er dort sicherer gewesen wäre.

Seufzend betrachtete er die Tarokkarten, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Die erste, welche die Figur der Justitia zeigte, hatte Guicciardini vor zwei Wochen erhalten. Sie war ihm von einem Boten überreicht worden, eingewickelt in ein Blatt Papier mit einer kurzen Notiz.

 

Ich besuche Sie am Samstagabend um sieben.

Brighella

 

Brighella hatte ihn besucht, die obere Hälfte seines Gesichts von einer schwarzen Maske bedeckt und mit einem Lächeln auf den Lippen, das Guicciardini noch unheimlicher gewesen war als die Worte, die der Mann an ihn gerichtet hatte:

„Sie schulden jemandem Geld, amico. Viel Geld. Dieser Jemand macht sich Sorgen, denn Sie haben ihm den Betrag nicht fristgerecht zurückgezahlt. Haben Sie den Termin etwa vergessen, Signor Guicciardini?“

„Natürlich nicht, und ich werd alles zurückzahlen. Ich brauch einfach mehr Zeit. Meine Frau ist gestorben, und ich musst erst für ihr Begräbnis aufkommen, das –“

„Ihre Frau hat keine Schulden bei Messer Appiani, Sie dagegen schon. Sie sollten Ihre Prioritäten überdenken.“

Guicciardinis Miene war ob dieser Geschmacklosigkeit hart geworden. „Das hab ich, und meine Priorität ist, meinem geliebten Weib ’n Begräbnis zu geben, das es verdient. Ich hab Appiani ’n Brief geschickt und meine Lage geschildert. Dafür, dass ich erst alles regeln und meine Frau betrauern möcht, hat er gewiss Verständnis.“

„Natürlich hat er das. Deshalb bin ich ja hier, um mit Ihnen zu plaudern und auf Ihre Pflichten hinzuweisen. Sie haben mir mitgeteilt, dass Sie nicht zahlen können, und so gebe ich Ihnen – gütig, wie ich bin – Gelegenheit, den fälligen Betrag bis kommende Woche zu begleichen. Dann jedoch wird mich nicht mehr die hübsche Justitia zu Ihnen führen, sondern La Fortezza.“ Unverwandt lächelnd hatte ihm Brighella eine weitere Karte in die Hand gedrückt und sich zum Gehen gewandt. „Wir sehen uns, amico.“

Seine Fistelstimme verfolgte Guicciardini bis auf den Tag. Er nahm die Tarokkarte zu Hand und starrte sie an, gleichermaßen erfüllt von Abscheu wie Furcht. La Fortezza zeigte einen Krieger vor der Kulisse einer Hügellandschaft, mit einem Harnisch angetan und einer ausdruckslosen Miene, die nichts vom Liebreiz der Justitia besaß. Er hielt einen Knüppel in den Händen und holte zum Schlag gegen einen Löwen aus, der sich vor ihm ins Gras duckte. Guicciardini verstand die Botschaft: Zuerst hatte Brighella noch eine höfliche Warnung ausgesprochen, doch diesmal würde er Gewalt anwenden.

Guicciardini warf die Karte zurück auf den Tisch und betrachtete den Lederbeutel, den er bereitgelegt hatte. Fünfzig Lire waren darin. Zu wenig, aber besser als nichts.

Die Kirchenglocken schlugen zur vollen Stunde. Die Frist war abgelaufen und Brighellas Besuch unausweichlich. Er konnte jeden Moment an die Tür klopfen, in seiner scheußlichen Maske mit dem gezwirbelten Schnurrbart und der großen Tasche am Gürtel, neben der ein Dolch baumelte. Die Tasche war für seine Geldforderungen bestimmt, der Dolch zur Untermauerung seiner Argumente. So jedenfalls erzählte man es sich in der Stadt, denn Guicciardini war nicht Brighellas erstes Opfer.

„Papa?“

Alfonsina trat in den Raum, im Nachthemd und mit einer Stoffpuppe im Arm. Mit ihren acht Jahren war sie das älteste seiner beiden Kinder und ein Ebenbild ihrer Mutter. Wann immer Guicciardini sie ansah, überkam ihn die Wehmut.

„Rinuccio weint“, sagte sie.

„Schon wieder?“ Guicciardini rieb sich die Stirn. „Geh und kümmer dich um ihn. Ich kann jetzt nicht.“

„Er hat aber nach dir gefragt.“

„Sag ihm, dass es dauert. Ich erwart jemanden, und ich –“

Ein Pochen an der Tür unterbrach Guicciardini. Es war so laut, dass Alfonsina einen Schritt zurückwich und ihre Puppe an sich presste.

„Geh!“, zischte Guicciardini.

„Aber Papa …“

„Hinaus, sag ich!“

Es klopfte erneut. Guicciardini straffte sich und öffnete die Tür.

Buonasera, amico.

Brighella war nicht allein. Die beiden Männer, die hinter ihm standen, überragten ihn um einen ganzen Kopf. Sie mussten Zwillinge sein, denn sie besaßen dieselbe Statur, dasselbe kantige Gesicht und dieselben kalten Augen.

„Darf ich vorstellen? Das sind Ramón und Ramiro. Sie begleiten mich stets zu besonderen Anlässen.“

Guicciardini spürte, wie seine Hände zu zittern begannen. Brighella dagegen strahlte.

„Wie entzückend!“, rief er und rauschte an ihm vorbei in den Raum. Alfonsina verharrte noch immer vor dem Durchgang zur Treppe, regungslos und mit vor Schreck geweiteten Augen.

„Du solltest doch nach oben gehen!“, polterte Guicciardini. Er konnte sich nicht erinnern, eines seiner Kinder jemals so angefahren zu haben, und in der Befürchtung, durch sein Handeln alles nur noch schlimmer zu machen, zwang er sich zu einem sanften Nachwort: „Per favore, piccina. Geh ins Bett.“

„Aber, aber!“ Brighella fasste nach Alfonsina. „Wieso soll die Kleine nicht bleiben? Ist sie nicht bezaubernd? Ramón, Ramiro, schaut sie euch an!“

Die beiden Männer schlossen die Tür hinter sich und grienten.

„Bitte“, sagte Guicciardini, als Brighella Alfonsina zum Tisch dirigierte. „Lassen Sie sie los. Sie ist ’n Kind.“

„Das ist ja das Schöne daran!“, frohlockte Brighella. „Wie heißt du denn, mein Schätzchen?“

„Alfonsina“, flüsterte sie.

„Herzallerliebst!“ Brighella kniff ihr in die Wange. „Sag, Alfonsina, weißt du eigentlich, was für ein böser, böser Mann dein Vater ist?“

„Signor, bitte …“

„Halt den Mund, Guicciardini! Kinder können gar nicht früh genug lernen, mit hässlichen Wahrheiten umzugehen.“ Brighella spuckte aus und wandte sich wieder an Alfonsina. „Dein Vater hat sich Geld geborgt und nicht zurückgezahlt. Wie nennst du es, wenn jemand deine Puppe nimmt und sie dir nicht wieder gibt?“

Alfonsina schwieg. Sie warf Guicciardini einen hilfesuchenden Blick zu, doch als er einen Schritt in ihre Richtung machte, legten sich die Pranken der Zwillinge auf seine Schultern.

„Sprich es nur aus, ragazza“, forderte Brighella. „Wie nennt man Leute, die so etwas tun?“

„Mein Papa ist kein Dieb“, sagte Alfonsina. „Und der böse Mann bist du!“

Brighella holte aus. Der Schlag, als seine Hand auf Alfonsinas Wange traf, hallte in Guicciardinis Ohren wider. Verzweifelt versuchte er sich aus den Griffen seiner Peiniger zu befreien. Ramón und Ramiro schienen nur darauf gewartet zu haben, dass er sich zur Wehr setzte, denn einer von ihnen schlang den Arm um seinen Hals und drückte zu. Guicciardini würgte.

„Lassen … Sie …“

Alfonsinas Unterlippe zitterte. Tränen rollten über ihre Wange, auf der sich Brighellas Finger abzeichneten.

„Geld …“, presste Guicciardini hervor. „Auf’m … Tisch!“

Er bekam kaum noch Luft. Brighella zeigte sich von dieser Tatsache so unbeeindruckt wie von der weinenden Alfonsina. Er nahm den Lederbeutel und schüttete die Münzen in seine Hand.

„Ist das alles?“, fragte er. „Du schuldest Appiani vierhundert Lire! Wie viel ist das hier?“

„Fünfzig“, keuchte Guicciardini. „Ich … besorg den Rest.“

Brighella schleuderte den Beutel zu Boden. Die Münzen sprangen und rollten durch den Raum. Einige blieben zwischen Alfonsinas Füßen liegen, doch sie beachtete sie nicht. Ihr Blick war allein auf Guicciardini gerichtet.

„Ich habe mich wirklich bemüht“, sagte Brighella. „Ich habe dir geschildert, in welchen Schwierigkeiten du steckst, und was tust du? Gibst mir lumpige fünfzig Lire! Ich dachte, einem Tuchhändler müsste man nicht erklären, wie man an Geld kommt!“ Er blieb vor Guicciardini stehen und blähte die Nasenflügel. „Ich will dir zeigen, was La Fortezza bedeutet. Und damit du es auch genau begreifst werde ich ihn nicht auf dich, sondern deine Tochter wirken lassen.“

Guicciardini versuchte zu protestieren, doch eine massige Pranke schob sich über seinen Mund. Hilflos musste er mitansehen, wie Brighella nach einem an der Wand lehnenden Besen griff.

„Halt die Kleine fest, Ramón. Eigentlich sollte ich ihr für jede Lira, die ihr Vater nicht zurückgezahlt hat, einen Hieb verpassen. Schade nur, dass sie das nicht überleben würde.“

Brighella drückte das Besenende schräg auf den Boden, hob das Bein und trat mit der Ferse auf den Stiel. Als er nur noch diesen in der Hand hielt, drehte er sich zu Ramón, der sich Alfonsina bäuchlings über den Schoß warf. Guicciardini wollte schreien, doch mehr als erstickte Laute brachte er nicht hervor. Brighella holte aus. Dann durchlief ein Ruck seinen Körper. Er keuchte. Blut quoll aus seinem Mund. Der Besenstiel entglitt ihm, fiel zu Boden und rollte bis vor den Durchgang zur Treppe. Dort stand eine Gestalt – ein Bursche in grauem Waffenrock mit Kapuze und dunklen Hosen. Die einzige Farbe an seinem Leib war eine rote Schärpe, die er sich um die Taille gebunden hatte. Darüber trug er einen Gürtel mit Wurfmessern. Der Bursche zückte eines davon und zielte auf Brighella. Der ging röchelnd in die Knie und kippte vornüber. Erst jetzt bemerkte Guicciardini das zweite Messer, das bis zum Heft im Nacken des ruchlosen Geldeintreibers steckte.

Che merda![1]“, fluchte Ramiro, als eine weitere Kapuzengestalt aus dem Schatten trat, diesmal eine Frau. Sie hielt einen Dolch in der Hand, holte aus und warf. Die Klinge bohrte sich in Ramóns rechtes Auge. Er schrie, und während er nach der Waffe tastete, rutschte Alfonsina von seinem Schoß.

„Lasst den Tuchhändler los“, erklang eine fremde Stimme hinter Guicciardini.

Ramiro zögerte, ehe er gehorchte. Befreit stolperte Guicciardini nach vorn, bekam die Kante des Tisches zu fassen und hustete. Er sah zu seinem Peiniger, dem eine dritte Kapuzengestalt ein Schwert an die Kehle hielt. Guicciardini beeilte sich, Abstand zu den Männern zu gewinnen und eilte zu Alfonsina. Ramón war neben ihr in die Knie gegangen, stützte sich mit einer Hand auf den Boden und umschloss mit der anderen den Dolch. Unter markerschütterndem Geheul zog er ihn aus seinem Auge. Blut und Gallerte klatschte auf den Boden, wo Alfonsina kauerte und sich die Ohren zuhielt. Ramón packte sie und zog sie in die Höhe.

„Keiner rührt mich oder meinen Bruder an, sonst bring ich die Kleine um!“

Guicciardini erstarrte. „Nicht meine Tochter! Bitte, ich flehe Sie an!“

„Waffen fallen lassen!“, brüllte Ramón und richtete die Klinge auf Alfonsinas Kehle. „Pronto!“

Der Bursche, der Brighella niedergestreckt hatte, handelte zuerst. Er warf sein Messer zu Boden und wich einen Schritt zurück. Auch der Mann hinter Ramiro senkte sein Schwert.

„Signor Guicciardini“, sagte er. „Hören Sie auf ihn, und kommen Sie zu mir.“

„Aber mein Kind…“

„Bitte kommen Sie zu mir.“

Guicciardini sah von Alfonsina zu Ramón. Der glich inzwischen mehr einem Tier als einem Menschen. Sein Anblick war furchteinflößend, sein Gesicht grässlich entstellt.

„Gehen Sie, wohin Sie wollen“, bettelte Guicciardini, „aber lassen Sie mein Kind los!“

„’nen Scheiß werd ich! Wir nehmen’s mit, als Pfand!“

Dio, no!

Die Frau, die noch immer im Durchgang zur Treppe stand, schleuderte einen weiteren Dolch, der diesmal in Ramóns Bizeps fuhr. Als der Hüne seine Waffe fallenließ, eilte sie auf ihn zu, umfasste Alfonsina und riss sie aus seinem Griff. Wutentbrannt schlug Ramón mit der Faust auf ihre Schulter.

Puttana!“, fauchte er. „Ich bring dich um!“

Die Frau rollte zur Seite. Sie hatte Alfonsina an sich gedrückt und streckte Ramón die Hand entgegen. Zuerst glaubte Guicciardini, dass sie seinen Hieb abwehren wollte, doch eine aus dem Lederschutz an ihrem Unterarm springende Klinge belehrte ihn eines Besseren. Die Frau riss die Hand in die Höhe und schlitzte Ramón die Kehle auf. Im gleichen Moment beendete der Schwertträger Ramiros Leben mit einem einzigen Streich seiner Waffe. Die Stille, die plötzlich im Raum herrschte, war gespenstisch.

Guicciardini sank auf die Knie und griff nach seiner Tochter. Die Frau im Waffenrock gab sie bereitwillig frei. Alfonsina schluchzte. Bei ihrem Anblick kamen auch Guicciardini die Tränen.

„Mein Mädchen“, hauchte er. „Mein geliebtes Mädchen …“

Er drückte sie an sich und vergrub das Gesicht in ihrem Haar. Dabei wagte er kaum, auf ihre Peiniger zu blicken – den schrecklichen Brighella und seine Häscher, die leblos am Boden lagen. Wen Guicciardini ansah, war ihre Retterin, die sich aufrichtete und an die Schulter fasste. Der Schwertträger trat zu ihr.

„Alles in Ordnung, sorellina?“, fragte er.

„Geht schon“, sagte die Frau. „Tut mir leid wegen der Sauerei, Signor Guicciardini.“

„Es gibt nix, wofür Sie sich entschuldigen müssten. Sie haben mein Kind gerettet. Möge der Herr Sie dafür segnen! Woher wussten Sie von meiner Not?“

„Wir haben unsere Quellen“, sagte der Schwertträger. „Ezio Auditore, piacere.“

Er steckte seine Waffe zurück an den Gürtel und reichte Guicciardini die Hand. Nach kurzem Zögern ergriff er sie.

„Was genau sind Sie?“, fragte er.

„Assassinen“, antwortete Ezio. „Wir helfen Menschen, denen Ungerechtigkeit widerfährt. Wie war der Name des Geldverleihers, der Ihnen diesen Brighella auf den Hals gehetzt hat? Appiani?“

„Paolo Appiani, ja.“

„Wir werden uns um ihn kümmern, aber zuerst schaffen wir die Leichen hier raus. Dai, Mino.“

Ezio gab dem Burschen mit den Wurfmessern einen Wink. Erst jetzt fiel Guicciardini der Unterschied zwischen den beiden auf. Ezio war nicht nur deutlich größer, sondern auch auffälliger gekleidet. Neben der roten Schärpe, die seine Taille zierte, besaß sein Waffenrock Akzente in derselben Farbe, in Form von schmalen Streifen im Stoff und aufwendig gestalteten Aufschlägen. Ezio fasste Ramóns Schultern, sein jüngerer Mitstreiter die Füße. Mit vereinten Kräften hoben sie den Hünen vom Boden und schleppten ihn an der Treppe vorbei zur Hintertür.

„Wie wollen Sie die alle verschwinden lassen?“, fragte Guicciardini.

„Draußen wartet ein Verbündeter, der das für uns erledigt“, sagte die Frau. Sie rieb sich erneut die Schulter und verzog die Lippen.

„Haben Sie Schmerzen?“

„Keine, die nicht bald wieder vergessen sein werden.“ Sie feixte und beugte sich zu Alfonsina. „Du hattest recht, piccina. Diese Männer waren böse. Sie werden euch nie wieder wehtun, versprochen.“

Das Mädchen nickte schüchtern, wich aber nicht vor ihr zurück.

„Wie kann ich mich für Ihre Tat erkenntlich zeigen?“, erkundigte sich Guicciardini.

„Indem Sie nicht schweigen, sollten Sie noch einmal in Schwierigkeiten geraten. Es ist keine Schande, um Hilfe zu bitten. Holen Sie mir ein Tuch und etwas Wasser?“

Guicciardini blickte auf das Blut an ihrem Waffenrock. „N-natürlich“, stammelte er. „Sie wollen sich gewiss waschen.“

„Es ist für Alfonsina“, sagte die Frau. „Sie braucht auch etwas Frisches zum Anziehen, damit sie mit nichts am Leib schlafen muss, das sie an das eben Geschehene erinnert.“

Guicciardini eilte, um die gewünschten Dinge zu holen. Während er Wasser in eine Schüssel goss, kehrten Ezio und sein Begleiter zurück und schafften Ramiro aus dem Haus. Die Frau indes bemühte sich, Alfonsina vom Anblick der Toten abzulenken. Sie ging vor ihr in die Hocke und streifte ihr das verschmutzte Nachthemd über den Kopf.

„Du hast vorhin von deinem Bruder gesprochen“, sagte sie. „Teilt ihr euch ein Zimmer?“

„Nein.“

„Heute Nacht solltet ihr es tun. Rinuccio kann bestimmt besser schlafen, wenn seine große Schwester bei ihm ist.“

Die Frau tauchte einen Lappen in die Wasserschüssel und wusch Alfonsina Gesicht und Arme. Jede ihrer Bewegungen war ruhig und fürsorglich.

„Wie heißen Sie?“, fragte Guicciardini.

„Claudia.“

„Sie sind sehr mutig, Claudia.“

„So wie Ihre Tochter. Sie können stolz auf sie sein.“

„Das bin ich auch.“

Guicciardini bückte sich nach der Puppe, die im Verlauf des Kampfes auf den Boden gefallen war. Rote Flecken verunstalteten den Stoff.

„Weichen Sie sie in Salzlauge ein“, riet Claudia. „Dann geht das Blut raus.“

Guicciardini seufzte. „Bisher musste meine Kleine noch nie ohne ihre Puppe schlafen.“

„Es ist in Ordnung, Papa“, sagte Alfonsina. „Ich bin ja bei Rinuccio.“

Bene, piccina. Ich komm zu euch, sobald ich hier fertig bin. Geh schon mal vor.“

Alfonsina gehorchte. Als Guicciardini ihre tapsenden Schritte auf der Treppe hörte, legte er die Puppe auf den Tisch.

„Es ist gut, dass Sie die Nacht bei Ihren Kindern verbringen“, sagte Claudia. „Das wird sie beruhigen. Und Sie auch.“

„Ich weiß nicht … Meine Schulden sind noch nicht beglichen.“

„Man wird Ihnen einen Aufschub gewähren, dafür werden wir sorgen.“

„Ich kann Sie nicht für Ihre Dienste bezahlen“, sagte Guicciardini nüchtern. „Welchen Nutzen haben Sie also davon?“

„Weniger Angst in dieser Stadt. Sie ist auch unser Zuhause.“

Claudia half ihm, die Münzen aufzusammeln. Inzwischen war auch Brighellas Leiche verschwunden. Guicciardini glaubte, ein Fuhrwerk zu hören, das aus seinem Hof auf die Straße holperte. Er wollte zum Fenster gehen und hinausblicken, doch da traten Ezio und der junge Bursche zurück in den Raum.

„Alles erledigt. Waschen Sie das Blut vom Boden, Signor, und lüften Sie gut durch. Sollte man in den nächsten Tagen wider Erwarten mit einer neuen Drohung an Sie herantreten, gehen Sie nach Sant’Ambrogio und sprechen Sie mit Pater Nido.“

„Sie arbeiten für die Kirche?“, fragte Guicciardini verblüfft.

„Das nicht. Aber es gibt dort Männer, die für uns arbeiten.“ Ezio nahm die Tarokkarten vom Tisch und steckte sie in seine Gürteltasche. „Schließen Sie hinter uns zu und gehen Sie schlafen.“

Er öffnete die Tür und ließ seine Begleiter aus dem Haus, bevor er sich noch einmal an Guicciardini wandte. Das Licht der von der Decke baumelnden Laterne hob die untere Hälfte seines Gesichts aus dem Dunkel. Guicciardini sah Bartstoppeln und eine senkrechte Narbe über vollen Lippen.

Buonanotte“, sagte Ezio.

Buonanotte”, sagte Guicciardini. „Und vielen Dank.“

Ezio nickte, dann klappte die Tür. Guicciardini drehte den Schlüssel im Schloss. Zweimal, nur um sicher zu gehen.

Als er kurz darauf aus dem Fenster sah und auf der Straße nach drei weiß gekleideten Gestalten suchte, konnte er niemanden entdecken.

 

***

 

Paolo Appiani hatte alles: ein großes Haus im Zentrum der Stadt, mehr Lire auf dem Konto als das Jahr Stunden zählte, eine attraktive Ehefrau, vier Kinder – und nun auch drei Assassinen in der Wohnstube.

„Ich muss doch sehr bitten!“, empörte er sich und schob einen kleinen weißen Hund vom Schoß. Das Fellknäuel plumpste zu Boden und knurrte, während sich Appiani aus seinem Sessel schälte. „Zu solch später Stunde empfang ich keinen Besuch mehr!“

Einer der Assassinen streckte ihm schweigend mehrere Tarokkarten entgegen. Appiani erkannte die Justitia, La Fortezza und einen Jüngling, der an einem Fuß aufgeknüpft kopfüber hing. Seine Karte war eingerissen und rot gesprenkelt. Appiani runzelte die Stirn.

„Wo haben Sie das her?“

„Von Brighella und seinen Schlägern, die Sie Daniele Guicciardini auf den Hals gehetzt haben“, sagte der Assassine. „Schämen Sie sich nicht, so mit einem Mann umzuspringen, der gerade seine Frau verloren hat?“

Appiani rümpfte die Nase. „Ich bin Geldverleiher, kein Samariter. Jeder dient seiner Profession und kann sich darüber hinaus nicht noch um hundert andre kümmern.“

„So? Sind Sie nicht deutlich mehr als Geldverleiher? Maßen Sie sich nicht an, sowohl Richter als auch Henker zu sein?“

Der Assassine schnippte mit den Fingern. Prompt warfen seine Begleiter mehrere Gegenstände auf den Boden: Brighellas Dolch und Gürteltasche, Schuldscheine, Adresszettel und weitere Tarokkarten, die alle dieselben drei Motive zeigten.

„Was soll das?“, fauchte Appiani.

Der Assassine verzog den Mund. „Wie würden Sie sich fühlen, wenn man Ihnen Ihre Frau nehmen und Ihre Tochter schlagen würde?“, fragte er. „Wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihre kleine Bianca weinend in der Gewalt eines gewissenlosen Rohlings wäre, während Sie darum betteln, dass man sie verschont?“

„Woher kennen Sie den Namen meiner Tochter?“

„Wir kennen auch den Ihrer Frau Anna und die Namen Ihrer Söhne. Sie heißen Primo, Fabrizio und Arturo. Arturo hat sein Zimmer direkt über diesem. Er ist Ihr ganzer Stolz, denn obwohl er erst sechs ist, kann er bereits ausgezeichnet rechnen.“

„Wagen Sie’s nicht, sich an meiner Familie zu vergreifen!“, fauchte Appiani. „Von solch ehrlosem Gesinde lass ich mich nicht erpressen!“

„Sie lehnen es also ab, dass Kinder für Ihre Verfehlungen büßen müssen?“

„Natürlich! Was soll diese alberne Frage?“

Der Assassine machte einen Schritt auf ihn zu. Er war nun so nahe, dass Appiani seinen Geruch wahrnahm: ein Gemisch aus Leder, Metall und Sandelholz. Der kleine Hund begann erneut zu kläffen und attackierte den linken Stiefel des Assassinen, wurde jedoch beiseitegeschoben.

„Guicciardinis Tochter ist übel mitgespielt worden. Brighella hat sie geschlagen, und einer seiner Raufbolde hat sie mit einem Dolch bedroht. Sie können sich gewiss vorstellen, von welchen Albträumen dieses Mädchen nun geplagt wird, auch wenn Sie angeblich nur ein Geldverleiher ohne sonstige Talente sind.“

Appiani wich zurück. „Was wollen Sie mir damit sagen?“

„Dass Sie die Schuld an diesem Vorfall tragen. Signor Guicciardini hat Sie darüber informiert, dass seine Frau verstorben ist, und um Zahlungsaufschub gebeten. Sie hatten nicht einmal den Schneid, ihm mitzuteilen, dass Sie seine Bitte nicht akzeptieren. Stattdessen haben Sie ihm diesen Brighella auf den Hals gehetzt.“

„Ich bin nun mal Geschäftsmann“, sagte Appiani. „Ich brauch das Geld.“

Der Assassine ließ seinen Blick über die Möbel und Wandteppiche in der Stube schweifen und blieb an einem Familienporträt mit vergoldetem Rahmen an der Wand neben dem Kamin hängen. „“, spottete er. „Das sieht man.“

„Glauben Sie etwa, ’n Mann, der nicht gewissenhaft arbeitet, könnt sich so ’n Zuhause leisten? Wer sind Sie überhaupt?“

„Ein Vertreter des einfachen Volkes. Dieses mag nicht Ihr Recht auf Luxus besitzen, aber es hat ein Recht auf ein Leben ohne Furcht. Guicciardini wird seine Schulden begleichen, doch ich rate Ihnen, zu bedenken, was Sie diesem Mann und seinen Kindern angetan haben. Bedenken Sie auch, dass Ihr Luxus auf Ihrem Ruf fußt. Der könnte Schaden nehmen, wenn bekannt wird, wie Sie mit Ihren Kunden umspringen.“

„Drohen Sie mir schon wieder?“

Der Assassine lächelte. „Sie missverstehen mich, Signor Appiani. Ich appelliere an Ihre Menschlichkeit, in der Hoffnung, dass Sie eine besitzen. Erinnern Sie sich an sie, wenn Guicciardini Ihnen die vierhundert Lire zurückzahlt, die Sie von ihm fordern, obwohl Sie ihm nur dreihundert geliehen haben.“

„Ich leb von Zinsen!“, knurrte Appiani.

„Gewiss. Aber da Sie Brighella und seine Schergen fortan nicht mehr bezahlen müssen, haben Sie nun auch weniger Ausgaben, nicht wahr? Buonanotte, Signor.“

Der Assassine drehte sich um und lief zu seinen Begleitern, die bereits im Flur auf ihn warteten.

Un momento!“ Nun war es Appiani, der das von Neuem zu bellen beginnende Fellknäuel beiseiteschob. Er durchquerte die Stube und trat ebenfalls in den Flur. „Was passiert, wenn ich mich Ihren Forderungen widersetze?“

Der Assassine verharrte auf der Schwelle, die Hand am Ring der offenstehenden Tür.

„Lassen Sie es mich so ausdrücken, Signor“, sagte er und tippte sich zum Abschied an die Kapuze. „Wir schicken keine Karten als Warnung vorab.“



[1] So eine Scheiße!


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