Vom Schicksal geleitet

von Sira-la

Prolog – Hör auf dein Gefühl

Prolog:
Hör auf dein Gefühl


Andromache wusste nicht genau, warum sie ausgerechnet heute einen Spaziergang durch dieses kleine verschlafene Dorf machte. Aber über die letzten Jahrtausende hatte sie gelernt, ihrem Gefühl zu folgen, und wenn ihr Gefühl ihr sagte, dass sie nach Großbritannien gehen sollten, dann gingen sie nach Großbritannien. Wenn ihr Gefühl ihr sagte, dass sie das Safehouse in diesem Dorf nutzen sollten, dann nutzten sie das. Und wenn ihr Gefühl ihr sagte, einen Spaziergang zu machen, dann machte sie einen Spaziergang.

Immerhin waren die Kinder inzwischen wieder verschwunden. Eine kleine Gruppe war es gewesen, drei Jungen, zwei Mädchen, die gemeinsam von Haus zu Haus gezogen war. Was aus Halloween geworden war, konnte Andy manchmal immer noch nicht ganz fassen.

Ihre Schritte führten sie die Hauptstraße entlang und stoppten vor einer Gartentür. Irgendwas war hier merkwürdig. Eine Gartentür ohne Haus dahinter? Sie war sich sicher, dass hier bei ihrem letzten Besuch eines gestanden hatte. Sie kniff die Augen zusammen und ging langsam näher heran. Ein dumpfes Pochen breitete sich hinter ihrer Stirn aus. Unwirsch schüttelte sie den Kopf. Zauberer. Vermutlich war das hier einfach nur ein etwas extremer Abwehrzauber gegen die Nichtmagischen. Wie wurden die hier in der Gegend genannt? Muglus?

Sie wollte sich gerade abwenden, als sie einen grünen Lichtblitz wahrnahm. Was? Dieses Licht kannte sie doch. Der Todesfluch, verdammt schmerzhaft, wenn man sie fragte. Und verboten, sofern die ihre Gesetze nicht in den letzten hundert Jahren geändert hatten.

Noch immer konnte sie das Haus nicht sehen, aber das hielt Andy nicht davon ab, die Gartentür zu öffnen und das Grundstück zu betreten.

Im nächsten Moment flog ihr wortwörtlich ein halbes Stockwerk um die Ohren.

Andy rappelte sich auf und griff mit einem leisen Stöhnen an ihren Kopf. Die gute Nachricht war, sie konnte das Haus jetzt sehen. Die schlechte, das bedeutete, dass darin irgendein Zauber ganz gewaltig schief gegangen war. So gut wusste sie über die magische Welt Bescheid.

Sie zog ihre Pistole, verfluchte den Umstand, dass sie ihre Labrys im Safehouse zurückgelassen hatte, und schlüpfte vorsichtig durch die halb offene Eingangstür.

Auf der Treppe lag ein Toter. Andy kümmerte sich nicht weiter um ihn. Sie hatte gerade die oberste Stufe erreicht, als sie das Weinen hörte. Dennoch sicherte sie die Räume, an denen sie vorbeikam. Auf eine Kugel – oder in diesem Fall einen Fluch – in den Rücken, konnte sie gut verzichten.

Im letzten Raum, dem die Außenwände völlig fehlten, stieß sie schließlich auf die Quelle des Weinens. Ein schwarzhaariger, kleiner Junge stand in seinem Gitterbett und heulte sich die Augen aus. Aus einem Schnitt auf seiner Stirn lief Blut, aber sonst schien er unverletzt zu sein. Vor dem Bett lag eine Frau, offensichtlich tot. Und direkt zu Andys Füßen lag ein Stoffhaufen und daneben ein Stock. Vorsichtig hob sie letzteren auf. Ein Zauberstab, daran gab es keinen Zweifel. Sie steckte ihre Pistole weg und den Stab ein, und näherte sich dann dem Gitterbett.

Der Junge streckte seine Arme nach ihr aus und sie nahm ihn hoch. Erstaunt bemerkte sie, dass sich das Kind sofort vertrauensvoll an sie schmiegte.

Andy entschied sich innerhalb einer Sekunde. Es war lange her, seit sie zum letzten Mal ein Kind aufgezogen hatte, aber etwas hatte sie hierher geführt. Hierher, zu diesem Kind, das jetzt wohl ein Waise war, wenn sie das Bild, das an der Wand gegenüber dem Bett hing, richtig deutete. Mann, Frau und Kind, alle drei lachten und winkten ihr zu. Der Mann hatte auf der Treppe gelegen, die Frau lag hier, das Kind hatte sie auf dem Arm. Andy nahm das Bild von der Wand, drückte dem noch immer weinenden Jungen den großen Stoffhund, der in dem Bett lag, in die Hand, und verschwand dann so lautlos, wie sie gekommen war.

***

Verzweifelt umklammerte Sirius seinen Zauberstab, als er von seinem Motorrad stieg. Tränen verschleierten seine Sicht, und er fuhr sich unwirsch über die Augen. Er durfte jetzt nicht die Fassung verlieren. Noch nicht. Zuerst musste er wissen … Musste sichergehen, dass …

Langsam wagte er sich näher an das Haus heran. Die ganze Umgebung war gespenstisch still. Viel stiller, als sie sein sollte. Aber scheinbar hatte noch keiner der Muggel bemerkt, was hier geschehen war. Sirius war sich ziemlich sicher, dass der Fidelius nicht mehr aktiv war. Himmel, das halbe obere Stockwerk schien explodiert zu sein, warum auch immer. Die Haustür stand offen und Sirius schob sich in das Innere, ohne sie zu bewegen.

„James“, hauchte er entsetzt. Er hatte es gewusst, er hatte gewusst, dass er zu spät kam, schon als die kleine Spieluhr losgegangen war, die sie ihm geschenkt hatten, direkt nachdem er seinen Patenschwur geleistet hatte. Dennoch griff das Entsetzen und die Verzweiflung mit voller Macht nach ihm, zerquetschte sein Herz. Er kniete sich auf die Treppe, streckte zitternd eine Hand aus und schloss seinem besten Freund, seinem Bruder in allem bis auf das Blut, die Augen. „Es tut mir so leid“, flüsterte er, bevor er wieder aufstand und die Treppe weiter nach oben ging. Er musste Lily finden. Und Harry.

Die oberen Zimmertüren waren zu seinem Erstaunen alle offen. Das war neu. Er war erst gestern hiergewesen und Lily hatte ihn angemeckert, dass die Badtür immer verschlossen sein musste, damit Harry das Zimmer nicht unter Wasser setzen konnte. Der Kleine hatte vor wenigen Wochen begonnen zu laufen. Sirius lächelte bei der Erinnerung, prüfte kurz, dass niemand in dem Raum war und schloss die Tür. Die Badtür musste immer verschlossen sein. Auf gleiche Weise verfuhr er mit der Hausbibliothek. Auch in diesem Raum hatte Harry nichts verloren. Auch diese Tür musste zu sein.

Dann erreichte er das Kinderzimmer. Oder eher das, was davon noch übrig war. Lily lag auf dem Boden. Sie sah aus, als würde sie schlafen. Jemand hatte die Decke des Kinderbettes über sie gelegt, ihre Arme waren über ihrer Brust gefaltet. Irritiert wirkte Sirius einen Homenum Revelio, aber er war alleine im Haus. Dennoch, irgendjemand war hier gewesen. Erst jetzt fiel Sirius der Stoffhaufen auf, der direkt neben der Tür lag. Merkwürdig … Er konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf das Gitterbett. Er wollte nicht noch eine Leiche sehen, wollte sein Patenkind nicht ebenfalls im kalten, endlosen Schlaf des Todes sehen, aber …

Er wusste nicht genau, was dieses ‚Aber‘ war. Es wurde unbedeutend, in dem Moment, in dem er erkannte, dass eben keine Leiche in dem kleinen Bettchen lag. Sirius runzelte die Stirn. Nicht nur Harry fehlte, auch der große Stoffhund, den er dem Kleinen zum Geburtstag geschenkt hatte. Und das Familienfoto, das normalerweise an der Wand gegenüber hing. Es gab keinen Grund, Stofftier und Bild gemeinsam mit einer Leiche mitzunehmen, das war Sirius klar. Neue Hoffnung vertrieb die Trauer, die seinen Geist vernebelt hatte. Jemand war hier gewesen, Lilys Körper bewies das ganz deutlich. Jemand war hier gewesen. Und dieser Jemand hatte Harry mitgenommen. Harry, der noch am Leben war. Sirius zögerte nicht. Er verwandelte sich.

Tatze schnüffelte für einen Moment an dem Bettchen und nahm Harrys Duft in sich auf. Dann folgte er der Spur.

 

Rezensionen