Die Wahrheit ist die alleinige Tochter der Zeit.
Leonardo da Vinci (1452 – 1519)
KAPITEL 1
GESCHEITERT
Der Duft des Verfalls empfing Perotto Calderon, als er den Kerker des Kastells von Limassol betrat. Die meisten Zellentüren waren aus ihren Angeln gerissen, Teile der Decke eingestürzt und Trümmer die letzten Insassen eines vor langer Zeit aufgegebenen Gefängnistraktes. Perotto sah sich um. Im Schein seiner Fackel erkannte er Fußabdrücke auf dem von Staub bedeckten Boden. Verwundert blieb er stehen.
„Ist etwas nicht in Ordnung?“, flüsterte es hinter ihm. Die Stimme gehörte Massimo Santini, einem Novizen, der Perottos Verantwortung unterstellt war. Eifrig beugte sich der Junge vor, so als könnte er im Zwielicht mehr erkennen als sein Meister.
„Siehst du das?“, fragte Perotto. „Jemand ist vor Kurzem hier gewesen.“
„Unsere Feinde?“
„Das ist zu befürchten.“
Perotto folgte den Spuren. Sie führten zu einem Schuttberg im hinteren Teil des Kerkers. Auf halber Höhe war ein Durchlass geblieben, gestützt von dicken Balken und verhangen von Spinnweben. In ihrer Mitte klaffte ein Loch. Es war gerade breit genug, um einem einzelnen Mann Durchlass zu gewähren.
„Warte hier“, befahl Perotto und drückte Massimo die Fackel in die Hand. Dann ließ er sich auf die Knie sinken und kroch durch den Spalt in den dahinterliegenden Raum. Sein Blick fiel auf die Überreste einer Treppe, die in den Innenhof des Kastells hinaufgeführt haben musste. Rechts von ihr befand sich eine Nische. Eine Rinne im Boden verriet, dass sie einst von einem Wandelement verschlossen gewesen war. Langsam richtete Perotto sich auf. Er ahnte, was er in der Nische vorfinden würde, aber er musste das Malheur mit eigenen Augen sehen.
Behutsam strich er über das Symbol eines Tatzenkreuzes im Mauerwerk. Seine Fugen enttarnten es als Mechanismus, der das Wandelement bei Druckausübung vor- und zurückbewegte. Wer auch immer hier gewesen war, hatte es nicht für nötig befunden, das Versteck wieder zu verschließen.
Perotto trat in die Nische. Eine Konsole stand darin, mit einer Vertiefung in ihrer Mitte – passgenau für eine Kugel von der Größe eines Reichsapfels. Perotto seufzte.
Sie kamen zu spät.
Das, was sie auf den dringenden Befehl des Großmeisters nach Zypern getrieben hatte, war nicht mehr hier.
***
Zwei Wochen später und über tausend Meilen von Limassol entfernt, starrte Leonardo da Vinci in den Himmel. Er lag auf dem Rücken, die Arme unter dem Kopf verschränkt, und streckte die Beine aus. Über ihm zogen zwei Adler ihre Kreise, wobei sich ihre Flugbahnen immer wieder miteinander kreuzten.
„Die Adler sind die Wächter von Monteriggioni“, sagte Claudia, ohne von ihrem Zeichenbrett aufzusehen. Sie lehnte an einem Baum, hatte die Knie angezogen und versuchte Ezio aufs Papier zu bannen. Dieser saß zwischen ihr und Leonardo im Gras und sah seine Schwester neugierig an.
„Ist das eine Legende?“, fragte er.
Claudia nickte. „Ich habe sie in einer Handschrift in der Bibliothek gefunden. Die Etrusker gaben der Erhebung, auf der Monteriggioni steht, den Namen Monte Ala, Berg der Schwingen. Er soll ein Hort der alten Götter gewesen sein. Die Höchste unter ihnen war Aria, die Herrin des Himmels. Es heißt, dass sie den Monte Ala als Kuppel über ihrer Halle der Weisheit errichtet hat, um darin ihr größtes Geheimnis zu verbergen. Aria hat den Eingang mit ihrem Blut versiegelt, auf dass dereinst nur ihren Nachkommen der Zutritt zur Halle gewährt wird. Und weil ihre ewigen Begleiter Adler waren, von denen es heißt, dass sie das Symbol von Geist und Verstand sind, nisten diese Vögel bis heute in den Türmen von Monteriggioni, um das Vermächtnis der Götter zu bewachen.“
Ezio grinste selbstgefällig. „Die Legende gefällt mir. Ich bin also das Symbol von Geist und Verstand.“
„In deinen Träumen, fratello.“
Claudia warf ein zerknülltes Papier nach ihm, was Ezio nicht zu verdrießen schien. Seine Miene blieb heiter – zumindest bis die Tür zur Villa aufflog und Mario Auditore ins Freie trat. Bei ihrer Flucht aus Florenz im vergangenen Monat hatte er sich das Bein gebrochen und war deshalb auf einen Krückstock angewiesen. Mario verabscheute jegliche Form von Abhängigkeit, und so geschah es oft, dass sich ein hilfsbereiter Bursche, der ihn beim geringsten Anzeichen von Unsicherheit zu stützen versuchte, anstelle von Dank einen Hieb einfing. Als Zeichen der Schwäche wollte Mario die Krücke nicht akzeptieren. Als Waffe war sie ihm gerade gut genug.
„Nipote!“, donnerte er, während er am Sandplatz vorbeihumpelte. „Stimmt es, dass du Biagio versprochen hast, das Dach des Gasthauses neu decken zu lassen?“
Ezio zuckte zusammen. „Ähm, ja? Ich habe es mir gestern angesehen, und es hat mehr Flicken als Volpes Wams. Die Ziegel müssen komplett ausgetauscht werden.“
„Und wer soll das bezahlen?“, fragte Mario ungehalten. „Glaubst du, dass Gold anstelle von Trauben an meinen Reben wächst?“
Nicht willens, den bisher ruhigen Nachmittag im Streit zu verbringen, griff Leonardo nach dem Beutel an seinem Gürtel und klaubte einige Münzen hervor.
„Das ist ein Teil des Geldes, das ich bei di Magonza gefunden habe“, sagte er. „Für Biagios Ziegel sollte es reichen.“
Mario starrte zuerst auf seine geöffnete Hand, dann in Leonardos Gesicht. „Und womit willst du dir eine neue Bottega kaufen?“
„Mit dem Rest?“
„Du bist ein miserabler Geschäftsmann, Leonardo!“
„Und du ein schlechter Grundherr, wenn du nicht in deine Gemeinde investierst. Sie trägt zum Erhalt deines Wohlstands bei.“
„Jetzt redest du schon wie mein Neffe!“
Verärgert lehnte sich Mario gegen die Brüstung der Freitreppe und fuchtelte mit der Hand in der Luft herum. Er wirkte ungewollt komisch, was Leonardo grinsen ließ – jedoch nur so lange, bis eine jähe Bewegung seine Aufmerksamkeit erweckte. Ein Reiter jagte über die Hauptstraße auf die Villa Auditore zu. Sein Pferd war schweißnass. Als es am Fuße der Treppe zum Stehen kam, sah Leonardo, dass seine Läufe zitterten. Sein Reiter glitt aus dem Sattel und legte die Hand auf die Brust, wobei er sich keuchend verbeugte. Er war ein Jüngling von höchstens sechzehn Jahren.
„Verzeihung“, rief er, „aber ich suche Mario Auditore. Ist er zugegen? Ich muss dringend mit ihm sprechen!“
Mario stieß sich von der Brüstung ab und verlagerte sein Gewicht auf die Krücke. „So?“, fragte er. „Wer bist du, ragazzo?“
„Massimo Santini, Signor.“
„Und wer schickt dich?“
Der Bursche sah von Mario zu Leonardo, der aufgestanden war und sich lose Grashalme aus der Kleidung klopfte. Als er Ezio und Claudia musterte, wurde seine Miene noch befangener.
„Ich, ähm … weiß nicht, ob ich offen reden kann.“
„Du kannst“, sagte Mario. „Du hast gefunden, wen du suchst.“
Massimo riss die Augen auf und wiederholte seine Verbeugung, die diesmal so tief ausfiel, dass sein Kinn gegen seine Brust schlug.
„Granmaestro, mi dispiace! Wenn ich gewusst hätte, dass Sie … ich … also …“
Mario runzelte die Stirn. „Was ich für meinen Teil noch immer gerne wüsste, ist, wer dich geschickt hat.“
„Perotto, Granmaestro. Ich meine … Perotto Calderon.“
Eine dritte Verbeugung folgte. Leonardo begann sich zu fragen, wie oft der Junge sie noch würde durchführen können, ohne sich dabei den Unterkiefer zu brechen. Mario derweil zeigte sich von dem Gebaren wenig beeindruckt.
„Perotto also“, brummte er und gab Leonardo einen Wink. „Geh und gib Massimo ein Gästezimmer. Er soll sich frisch machen. Ich werde Mathilde bitten, das Essen schon jetzt aufzutragen. So, wie der Junge aussieht, hat er seit Tagen nichts Anständiges zwischen die Zähne bekommen. Nipote?“
„Sì, zio Mario?“
„Führe das Pferd in den Stall und ruf einen Knecht, der es versorgt. Und du, Claudia, räum das Zeichenzeug weg. Wir treffen uns in zehn Minuten bei Tisch.“
Gehorsam trat Leonardo auf Massimo zu, der die Treppe erklomm. Jeder Schritt schien dem Jungen Mühe zu bereiten, aber sein Blick wirkte erstaunlich munter. Während sie am Sandplatz vorbei zur Villa liefen, sah er sich beständig um. Dabei machte er so große Augen, als hätte er gerade ein besonders prächtiges Gotteshaus betreten, das ihn in Ehrfurcht versetzte.
„Wie sehr hab ich mir gewünscht, das hier einmal zu sehen“, flüsterte Massimo.
Er strauchelte. Leonardo musste ihn am Arm fassen und ihm über die Schwelle helfen.
„Es wird dir gleich besser gehen“, sagte er. „Ich besorge dir Wechselkleidung, solange du dich wäschst. Hier entlang.“
Leonardo geleitete ihn durch die Eingangshalle, wobei Massimo immer wieder stehen blieb, den Kopf in den Nacken legte und den Kronleuchter unter der Kuppeldecke bestaunte. Von diesem Verhalten befremdet, schob Leonardo ihn in eine freie Schlafkammer neben der Küche, setzte ihm eine Schüssel vor und füllte sie mit Wasser.
„Zehn Minuten sind nicht viel, und Mario wartet nicht gern“, sagte er. „Zieh dich aus, ich bin gleich wieder da.“
Er lief in den Flur, wo er neben einem Schrank mit Tischwäsche eine Truhe wusste, in der abgelegte Kleidung aufbewahrt wurde – vorwiegend Sachen aus Ezios Jugendzeit. Leonardo suchte ein sauberes Hemd heraus, nahm ein Handtuch aus dem Schrank und kehrte zu Massimo zurück. Zu seiner Erleichterung hatte dieser vorerst damit aufgehört, umherzustarren, und Wams und Waffenrock abgelegt.
„Du bist Novize, nicht wahr?“, fragte Leonardo und reichte ihm ein Säckchen mit Seifenpulver.
„Seit letztem Herbst.“ Massimo warf sich stolz in die Brust und musterte Leonardos Hände. „Sie sind auch noch nicht geweiht?“
„Wie kommst du darauf?“
„Sie haben noch alle Finger.“
Leonardo hob die Rechte und streifte einen Jaspisring ab, unter dem sein Brandmal zum Vorschein kam. „In unseren Breiten opfern wir keine Finger mehr. Es erstaunt mich, dass diese veraltete Methode andernorts noch immer Anwendung findet.“
Massimo blinzelte. „Nun … es ist Tradition.“
„Es ist Quatsch“, sagte Leonardo. „Und eine unnütze Gefährdung des Aspiranten. Ich will nicht wissen, wie viele gute Krieger nach ihrer Weihe an einer Blutvergiftung gestorben sind. Neuere Klingen sind so konstruiert, dass sie das Entfernen des Ringfingers nicht mehr erfordern. Du bist im Übrigen noch immer nicht gewaschen und hast nur noch drei Minuten Zeit. Ich warte draußen.“
Leonardo ließ Massimo allein und trat wieder in den Flur. Aus der Küche drangen das Geklapper von Geschirr und der Duft von Gemüsesuppe und frischem Brot. Unruhig spazierte Leonardo umher, bis er Schritte auf der Treppe hörte. Claudia kehrte zurück. Kurz darauf erschien auch Ezio in der Eingangshalle. Beide verharrten, ihre Blicke fragend auf Leonardo gerichtet. Er verzog das Gesicht und zuckte mit den Schultern.
Endlich gesellte sich auch Massimo zu ihnen, umgezogen und sichtlich entstaubt. Gemeinsam betraten sie das Speisezimmer. Mario erwartete sie. Er thronte am Kopf der Tafel, hatte eine Weinflasche entkorkt und füllte mehrere Gläser.
„Setz dich, ragazzo“, bat er. „Und berichte, was Perotto dir aufgetragen hat. Ist er in Limassol?“
„Dort war er“, sagte Massimo. „Zusammen mit mir. Wir sind vor vier Tagen nach Venedig zurückgekehrt. Leider mit leeren Händen.“
„Was soll das heißen?“, fragte Mario.
Massimo begann unruhig auf seinem Stuhl umherzurutschen. „Wir haben das Versteck dieses Artefakts im Kastell gefunden, aber es war leer. Irgendwer ist uns zuvorgekommen, also haben wir die Scheuerleute im Hafen gefragt, welche Schiffe noch in Limassol angelegt hatten. Man wusste nur von einem – der Graal, die ebenfalls aus Venedig kam. Sie ist wenige Stunden vor unserer Ankunft wieder ausgelaufen. Angeblich stammt sie aus der Handelsflotte der Barbarigo.“
Mario stöhnte und rieb sich die Schläfen. „Großartig! Jetzt müssen wir den Templern das Artefakt wieder abjagen …“
„Darum ist Perotto in Venedig geblieben“, sagte Massimo. „Er will die Rückkehr der Graal abwarten. Obwohl sie einen Vorsprung hatte, war sie noch nicht wieder im Hafen, als wir von Zypern zurückkamen.“ Er verstummte, da Mathilde den Raum betrat und ein Tablett mit Suppenschüsseln auf den Tisch stellte. Erst als Mario beruhigend abwinkte, sprach er weiter. „Perotto hat mir aufgetragen, zu Ihnen zu reiten und Bericht zu erstatten. Er hat auch einen Boten nach Rom geschickt. Wegen Borgia.“
„Das war sehr umsichtig von ihm.“
Mario riss eine Scheibe Brot in Stücke und streute sie in seine Suppe. Eine Weile herrschte Schweigen. Leonardo beobachtete Massimo, der sein Essen noch nicht angerührt hatte, reglos dasaß und auf die Tischplatte starrte.
„Ich denke, wir tun gut daran, wenn wir Perotto unterstützen“, sagte Mario schließlich. „Wir haben zwar viele Kontaktpersonen in Venedig, aber keine ausgebildeten Krieger. Du wirst deshalb nicht allein zurückkehren, sondern in Begleitung von Leone, meinem Neffen und meiner Nichte. Aufgrund der Dringlichkeit der Lage werdet ihr gleich morgen aufbrechen.“
Prompt verschwand der betretene Ausdruck von Massimos Gesicht und machte Begeisterung Platz. „Sagten Sie Leone? Etwa der berühmte Il Leone, der Löwe von Florenz?“
Leonardo ließ seinen Löffel sinken. „Berühmt?“
„Oh, und ob er das ist!“, ereiferte sich Massimo. „Ganz Italien spricht von ihm und seinen Heldentaten! Groß soll er sein und eine wilde Lockenmähne haben. Außerdem ist er so stark, dass er mit seiner Rechten ein Hufeisen verbiegen kann, ganz so, als wäre es Blei!“
„Ich bin Linkshänder“, sagte Leonardo und aß weiter.
Ezio begann zu husten, Claudia gluckste und sogar Mario schmunzelte verhalten. Massimo dagegen öffnete den Mund so weit, dass er mehr einem Wasserspeier als einem Menschen glich.
„Sie sind Leone?“, fragte er entgeistert.
„Nein, ich sitze heute nur zufällig auf seinem Stuhl.“
„Hör auf, ihn zu necken, Leo.“ Claudia schüttelte den Kopf und grinste. „Weißt du, Massimo, anstelle von Eisen verbiegt er eigentlich Worte. Am liebsten die im Mund anderer Leute.“
Massimo beachtete sie nicht. „Sie sind der Leone, der Ezio Auditore vor dem Galgen gerettet hat?“, fragte er weiter. „Der ihn ausgebildet und mit ihm Lorenzo de’ Medici schon zweimal das Leben gerettet hat?“
„Dreimal“, sagte Claudia.
„Leider“, brummte Leonardo.
Ezio hustete und prustete nun so sehr, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Claudia klopfte ihm pflichtschuldig den Rücken. Der Einzige am Tisch, der nicht erheitert wirkte, war Massimo.
„Per Dio“, murmelte er betroffen. „Was ist mit Ihrem Haar passiert?“
„Wurde abgeschnitten“, sagte Leonardo.
„Aber warum?“
„Das könnt ihr später klären“, sagte Mario. „Ihr habt auf eurem Ritt genug Gelegenheit, euch die Zeit mit Geschichten zu vertreiben. Iss jetzt auf, Massimo, und geh dann zu Bett. Ich möchte, dass du dich ausruhst.“
„Natürlich, Granmaestro. Entschuldigen Sie, Granmaestro.“
Gehorsam beugte sich Massimo über seine Schüssel, löffelte und schwieg. Als Mathilde wenige Minuten später abräumte, bedankte er sich für das Mahl, wünschte allen eine gute Nacht und stand auf. Leonardo sah ihm nach, als er den Raum verließ.
„Wir sollten uns wohl auch zurückziehen, zumal wir noch packen müssen.“
„Un momento, per favore“, sagte Mario. „Begleitet mich zuerst in mein Arbeitszimmer. Ich will euch etwas geben.“ Er stemmte sich aus dem Stuhl und blickte zu Mathilde, die das Geschirr auf dem Tisch stapelte. „Nimmst du Maso zum Essen mit zu dir, wenn er heimkommt? Der Teufel weiß, wo sich der Bengel schon wieder herumtreibt.“
„Im Gasthaus“, sagte Mathilde. „Da sitzt er und legt die Karten.“
„Er täte besser daran, ein ehrliches Handwerk zu lernen. Stattdessen verdreht er meinen Söldnern mit seinem Hokuspokus den Kopf!“ Mario schnaubte und wandte sich wieder an Leonardo. „Ich werde den Jungen zu Matteo in die Schmiede schicken, solange ihr in Venedig seid. Dort hat er genug zu tun. Außerdem reicht es, wenn ihr euch auf der Reise mit einem Halbstarken herumschlagen müsst.“
„Ich weiß nicht, ob ich mich darauf freuen soll“, sagte Ezio. „Massimo erscheint mir recht weltfremd.“
„Er ist noch sehr jung, nipote. Und voller Träume.“ Mario hob die Hand und klopfte Ezio auf die Schulter. „Vielleicht ist es das, wovor euer Vater euch so lange schützen wollte.“
Leonardo bemerkte, dass Ezio bei diesen Worten stutzte. Dann legte sich ein sanfter Zug um seine Lippen und er bot Mario den Arm.
„Ich kann allein laufen, Ezio!“
„Ich weiß. Aber du musst es nicht.“
Nun war es Mario, der innehielt. Kurz stand er unschlüssig da, dann stützte er sich ergeben auf seinen Neffen. Leonardo ließ den beiden den Vortritt und wartete auf Claudia, die ihren Stuhl zurück an den Tisch schob.
„Ich bin froh, dass er es endlich zulässt“, sagte sie.
„Hilfe?“, fragte Leonardo.
„Familie auf Augenhöhe.“
Lächelnd folgten sie Mario und Ezio ins Arbeitszimmer, in dem zwischen Bücherregalen und mit Statuen geschmückten Marmorsockeln ein einzelner Schreibtisch stand. Mario lehnte seinen Stock gegen das Möbelstück, beugte sich vor und öffnete eine der Schubladen.
„Ich möchte, dass ihr drei vor Massimo eine klare Hierarchie zeigt, der er sich unterwerfen muss. Ich sage das nicht, weil ich den Jungen quälen möchte, aber er ist noch zu unerfahren, um das Maß an Verantwortung zu begreifen, das ihr schon besitzt. Diskutiert mit ihm. Führt philosophische Gespräche. Lehrt ihn die Werte, die ihr kennt. Aber lasst ihn nie daran zweifeln, dass er erst am Anfang einer langen Reise steht – und dass Leonardo euer Anführer ist. Er entscheidet, welcher Straße ihr folgt, wann und wo ihr rastet und wem ihr euch anvertraut.“
„Ho capito“, sagte Ezio.
Mario brummte zufrieden und legte einige Papiere auf den Tisch. „Hier habt ihr eine Karte, auf der neben den sichersten Strecken auch die Lage einiger Unterkünfte von Verbündeten eingezeichnet sind. Erinnert ihr euch an Antonio?“
„Ja“, sagte Leonardo. „Er ist der Leiter der venezianischen Diebesgilde.“
„Genau. Er hat eine Schwester in Marghera, einer Siedlung am Ufer der Lagune. Sie heißt Lucrezia und besitzt einen kleinen Hof, auf dem ihr eure Pferde unterstellen könnt. Ich werde euch einen Brief für sie mitgeben und sie anweisen, euch zu Astorre Caruso zu bringen.“
„Wer ist das?“, fragte Leonardo.
„Ein Finanzier der Bruderschaft. Bittet ihn um Unterkunft. Wenn er diesen Siegelring sieht, wird er euch jeden Wunsch erfüllen.“ Damit zog Mario besagtes Schmuckstück vom Finger und reichte es Leonardo. „Ich möchte, dass du, Ezio und Claudia alles in eurer Macht Stehende tut, um an das Artefakt zu kommen – oder zumindest herauszufinden, wo es jetzt ist. Es hängt viel davon ab, und ich glaube, dass das außer mir niemand anderes so gut weiß wie ihr.“
Gehorsam nahm Leonardo Karte und Siegelring entgegen.
„Ich werde Lucrezia und Astorre schreiben, solange ihr eure Vorbereitungen trefft“, sagte Mario. „Holt die Briefe bei mir ab, bevor ihr schlafen geht. Bis Sonnenaufgang soll Mathilde ausreichend Proviant für euch zusammenpacken. Auch werde ich die Knechte anweisen, Massimo eines unserer Pferde zur Verfügung zu stellen. Das, auf dem er gekommen ist, muss sich dringend von den Strapazen erholen. Ich denke, damit wäre alles geklärt.“
„Rechne in etwa einer Stunde mit uns“, sagte Ezio. „Wir werden uns zuvor noch von Mutter verabschieden.“
„Ist recht, nipote. Geht. Ihr habt eine lange Reise vor euch.“
***
Die Sonne stand glutrot über dem Horizont, als Leonardo mit den fertigen Briefen ins Turmzimmer zurückkehrte. Wann immer sie sich in Monteriggioni aufhielten, teilte er es mit Ezio – und seit diesem Sommer auch mit Claudia. Sie saß auf dem Bett und folgte ihm mit Blicken, während er die Fensterläden schloss.
„Aufgeregt, coccola?“, fragte er amüsiert.
„Wie könnte ich es nicht sein?“, erwiderte sie. „Venedig, la Serenissima! Bis vor einer Stunde hätte ich mir nicht träumen lassen, diese Stadt einmal mit eigenen Augen zu sehen. All die Palazzi und Kanäle, die Gondeln und die Piazza San Marco mit ihrem bunten Treiben …“
„Du klingst wie unser Novize“, neckte Ezio. „Hellauf begeistert von etwas, das du noch gar nicht kennst. Und wenn du nächste Woche auf dem Rialto stehst, wirst du das Gesicht verziehen, weil du dann siehst, wie die Venezianer durch ihre eigene Kloake paddeln.“
„Ach ja?“ Claudia hob eine Augenbraue. „Wann warst du denn dort, um so genau zu wissen, wie scheußlich es ist?“
„Noch gar nicht“, sagte Ezio. „Aber ich wette, dass wir bald eine sehr ähnliche Meinung von Venedig haben werden.“
Leonardo kroch schmunzelnd zu den beiden ins Bett. Sofort schmiegte sich Ezio an ihn, schob die Nase in Leonardos Halsbeuge und einen Arm über seine Brust.
„Jetzt verlassen wir unsere Heimat früher als geplant“, sagte er, während sich auch Claudia an ihn kuschelte.
„Vielleicht ist das gut so“, meinte Ezio. „Je weiter wir weg sind, desto eher wird man uns in Florenz vergessen. Wobei … offiziell im Kloster gekündigt hast du noch nicht, oder?“
„Warum sollte ich mir die Mühe machen?“, spottete Leonardo. „Es weiß schließlich niemand, wo ich bin.“
Sie lachten leise. Dann löschte Leonardo die Kerzen. Dunkelheit erfüllte den Raum, während draußen das letzte Licht des Tages die Wehrmauern von Monteriggioni hinunterkroch.