„Die Liebe zeigt sich mehr in der Not
als im Wohlstand – so wie Licht es tut,
das dort am meisten strahlt,
wo der Ort am dunkelsten ist.“
Leonardo da Vinci (1452 - 1519)
KAPITEL 1
SCHLECHTE NACHRICHTEN
Der Sommer hatte seinen Zenit überschritten, trotzdem steckte die Hitze der Hundstage in jeder Pore der Außenmauern von Sankt Peter. Allein der von Bäumen gesäumte Weg zwischen der Basilika und der noch unvollendeten neuen Kapelle bot Schatten und Kühle. Rodrigo Borgia genoss es, ihn entlangzuschlendern und die Fortschritte der Bauarbeiten zu bewundern, während ihm der Geruch von Kalkstaub und Mörtel in die Nase stieg. Manchmal begleitete ihn der Papst bei seinen Kontrollgängen, so auch an diesem Tag. Doch anders als Borgia gab sich Sixtus überraschend schwermütig.
„Die Arbeiten verschlingen mehr Zeit als geplant“, klagte er. „Inzwischen plagt mich die Angst, der Vollendung meines Lebenswerks nicht mehr beiwohnen zu dürfen.“
„Seid unbesorgt, Eure Heiligkeit“, sagte Borgia. „In spätestens zwei Jahren könnt Ihr die Kapelle einweihen. Und wer weiß, vielleicht habt Ihr bis dahin auch Eure Differenzen mit Florenz beigelegt.“
„Florenz!“ Sixtus schnaubte. „Wisst Ihr, was man dort getan hat, um mich zu demütigen? Man hat alle Bischöfe der Toskana zu einem Konzil in der Kathedrale von Santa Maria del Fiore versammelt und mich exkommuniziert. Mich, den Heiligen Vater!“
Borgia schürzte die Lippen. „Reine Provokation. Die Florentiner waren schon immer ein unbequemes Volk. Ihnen mangelt es an Respekt, allen voran Lorenzo. Es ist an der Zeit, ihn zu stürzen und seinen verblendeten Anhängern Manieren beizubringen.“
„Ihr habt wohl recht, mein lieber cancellarius[1]. Wir waren zu nachlässig mit ihm. Vielleicht ist ein weiterer Krieg vonnöten, um dieses … Problem aus der Welt zu schaffen.“
„Nun.“ Borgia verschränkte bedächtig die Hände in seinem Rücken. „Das ließe sich bestimmt arrangieren.“
Sie blieben stehen und betrachteten die Kapelle. Das Dach war bereits fertiggestellt, und bald würde man mit der Ausstattung der Innenräume beginnen. Gigantische Fresken waren geplant, welche die Herrlichkeit Gottes in Bilder ungeahnter Schönheit bannen sollten. Was Rom fehlte, war neuer Prunk. In den meisten Vierteln glich die Metropole nach den unrühmlichen Dekaden des Schismas mehr einer Geisterstadt als dem Zentrum des einzig wahren Glaubens – ein Umstand, der sich dringend ändern musste.
„Eure Heiligkeit!“
Die Stimme, die so plötzlich in seinem Rücken erklang, ließ Borgia herumfahren. Kardinal della Rovere war durch ein Seitenportal von Sankt Peter getreten und eilte mit großen Schritten auf sie zu. Auch wenn Borgia sich nur ungern mit diesem eitlen Emporkömmling innerhalb der Kurie abgab, weckte della Roveres Gebaren seine Neugier.
„Giuliano“, sagte er. „Was ist geschehen? Sie sind ja ganz außer sich.“
„Die Türken!“ Della Rovere zog einen Brief aus seiner Soutane und reichte ihn Sixtus. „Das hier wurde uns soeben aus Lecce[2] gebracht. Die Türken haben Otranto eingenommen und die Bevölkerung dazu aufgefordert, zum Islam zu konvertieren. Der dortige Erzbischof hat sich geweigert. Jetzt ist er tot. Die osmanischen Barbaren haben ihm den Kopf abgeschlagen!“
Mehrere Augenblicke vergingen, in denen Sixtus stumm auf das Schreiben in seinen Händen starrte. Als er den Kopf wieder hob, lag ein Ausdruck auf seinem Gesicht, den Borgia nur als besorgniserregend bezeichnen konnte.
„Signori“, sagte Sixtus, „mir scheint, dass wir unsere Prioritäten zu unserem eigenen Wohl noch einmal überdenken müssen.“
[1] Vizekanzler/Vorsteher der päpstlichen Verwaltungsbehörde
[2] Stadt auf der Halbinsel Salento in Süditalien