„Hindernisse können mich nicht aufhalten;
Entschlossenheit bringt jedes Hindernis zu Fall.“
Leonardo da Vinci (1452 - 1519)
KAPITEL 1
UNTER SECHS AUGEN
„Ich verlange eine Erklärung!“
Es war das Erste, was Riario sagte, nachdem er sich neben Ser Piero da Vinci an den Tisch gesetzt hatte. Der Schankraum des kleinen Gasthauses am Flussufer zeichnete sich weder durch annehmbare Reinlichkeit noch durch zufriedenstellende Beleuchtung aus, doch zugunsten des zweiten Makels ließ sich der erste ertragen. Schließlich war ihr Treffen geheim. Dieser Umstand beunruhigte Piero. Er verhakte die Finger miteinander, während der Dritte im Bunde, ein Hüne namens Battista Colonnesi, ihre Becher mit Wein füllte. Piero hätte viel dafür gegeben, um nur einen Bruchteil seines Gleichmuts auszustrahlen.
„Ich nehme an, Ihr sprecht von Lorenzo de’ Medici?“, fragte Colonnesi.
„Von wem sonst?“, erwiderte Riario. „Wie kommt es, dass ich nicht über sein Vorhaben informiert wurde?“
„Weil uns nichts darüber bekannt war. Zumindest nicht bis vergangenen Donnerstag, als sich della Stufa dem Druck der Signoria beugen und ihr Rede und Antwort stehen musste.“
Riario schnaubte gereizt, und Colonnesi sprach weiter.
„Die Vorbereitungen für seine Abreise wurden in aller Heimlichkeit getroffen. Lorenzo hat nur wenige Parteianhänger darüber in Kenntnis gesetzt. Diesen unerträglichen Speichellecker Poliziano, zum Beispiel. Man muss ihn nur ansehen, und er erzählt einem alles, von der Knopfanzahl seiner Leibwäsche bis hin zu brisanten Regierungsgeschäften.“
„Ich weiß, dass auch Sie gerne ausschweifende Reden halten, Battista“, sagte Riario. „Verschonen Sie mich damit, und kommen Sie zur Sache!“
„Wie Ihr wünscht, Sua Altezza.“ Colonnesi lächelte beflissen. „Wir haben also ein wenig geplaudert, der gute Poliziano und ich, und nach einigen neckenden Fragen hat er mir erzählt, welch großer Stratege Lorenzo doch sei und welch kühne Pläne er schmiede. Eine Audienz bei König Ferrante habe er bekommen, nun, da sich Lodovico Sforza als Vormund des Herzogs von Mailand durchgesetzt hat. Es wird schwierig, einander spinnefeind zu sein, wenn man plötzlich gemeinsame Verbündete hat …“
„Battista!“, schnarrte Riario. „Ich habe Sie gerade um etwas gebeten!“
„Ich fasse mich doch schon kurz“, meinte Colonnesi. „Als erstes Problem wären da also die Bündnisse mit Sforza, als zweites die Assassinen. Sie haben begriffen, dass sich Kriege nicht allein durch Waffengewalt gewinnen lassen – und was Florenz blüht, wenn es diesen Krieg verliert. Unter neuen Machthabern würden viele Exilanten zurückkehren. Familien, die einen Groll gegen die Medici hegen. Ihr Rachedurst würde nicht nur Lorenzo treffen, sondern auch seine Anhänger.“
„Das ist genau das, worauf wir warten“, sagte Riario. „Und solange Lorenzo nicht in Neapel ankommt, dürfen wir weiter auf diesen Ausgang hoffen.“
„Er wird ankommen“, erwiderte Piero. „Um den Landweg zu meiden, hat dieser Il Leone die Mitreise auf der Galeere eines argonesischen Diplomaten organisiert. Sie hat vor zwei Tagen in Livorno abgelegt.“
„Il Leone?“ Riario spuckte den Namen aus wie eine Seuche, der niemand Herr zu werden vermochte. „Begleitet er Lorenzo etwa?“
„Er und Ezio Auditore“, sagte Piero. „Wir haben ihnen sechs bewaffnete Reiter hinterhergeschickt, nachdem wir von ihrem Plan erfahren hatten. Fünf haben die Assassinen getötet und den letzten mit einer Stichwunde im Oberschenkel zurückgeschickt, um uns mitteilen zu lassen, dass unsere Bemühungen umsonst sind.“
Für einen kurzen Augenblick schien es, als wollte Riario aus der Haut fahren, dann hob er die Hand und rieb sich die Schläfe.
„Ich bin es leid!“, klagte er. „Die Assassinen müssen aus Florenz verschwinden, allen voran dieser Leone! Der Großmeister hat verlangt, dass wir seine wahre Identität herausfinden. Wir müssen wissen, ob er Familie hat – Vater, Onkel, Brüder, Söhne. Sie kennen die Regeln der Bruderschaft, Signori: Dieses Geschmeiß vererbt seine Profession von Generation zu Generation, so lange, bis man seine verkommene Sippe zerschlägt und die Erbfolge unterbricht.“ Riario beugte sich zu Piero und sah ihn eindringlich an. „Es wird Zeit, dass Sie über Ihren Schatten springen. Gehen Sie zu Leonardo und –“
„Bitte fangt nicht damit an!“ Piero fasste seinen Becher und stürzte den Wein in einem Zug hinunter. „Er ist nicht mein Sohn!“
„Aber er gewährt Auditore Obdach“, sagte Riario.
„Seht Ihr? Kein wahrer da Vinci würde so etwas tun! Leonardo ist ein Bastard. Ein Ehrloser, der sich zu seinesgleichen gesellt und meiner Hilfe nicht würdig ist.“
Riario lächelte. „Sie sollen ja nicht ihm helfen, sondern uns und unserer Sache. Ihr Sohn wäre das perfekte Werkzeug, um an Il Leone heranzukommen. Bei seiner Vorgeschichte braucht man nicht viel Fantasie, um zu erahnen, dass sich Leonardo mit Auditore das Bett teilt. Und wer miteinander das Bett teilt, teilt auch Geheimnisse.“
Pieros Miene wurde hart. „Über derlei Absonderlichkeiten will ich gar nicht nachdenken, geschweige denn reden! Solange ich zurückdenken kann, war Leonardo eigenartig – ein Schandfleck der Familie.“
„Aber er ist nicht dumm“, sagte Riario. „Auditore ist ein Günstling der Medici. Sich an ihn zu halten, ist für jemanden wie Leonardo die einzige Möglichkeit, Förderung zu erfahren. Was ich in seinem Handeln erkenne, ist Opportunismus. Opportunismus, an dem es Ihnen offenbar mangelt, mein lieber Piero. Dieser Zug wird Ihnen keine Lorbeeren einbringen, auch nicht von unserem Großmeister.“
Piero schluckte unbehaglich. „Ihr verlangt von mir, dass ich den Kontakt zu Leonardo wieder aufnehme?“
„Genau das. Gehen Sie zu ihm und treffen Sie ihn dort, wo es Leonardo am meisten schmerzt. Appellieren Sie an seinen Stolz. Spielen Sie den reumütigen Vater, der nach besinnlichen Festtagen die Missverständnisse der Vergangenheit aus der Welt schaffen will. Bieten Sie Leonardo Ihre Unterstützung an. Die Situation spielt Ihnen in die Hände: Krieg, Hunger, Seuche, Tod … keine Aufträge für Künstler. Vorbelastet, wie er ist, dürfte Leonardos Kundschaft ohnehin so gut wie nicht existent sein.“
Piero seufzte. „Und was soll ich ihm sagen?“
„Dass sich für ihn alles zum Guten wenden wird, wenn er die richtigen Entscheidungen trifft“, antwortete Riario. „Ezio Auditore und sein Assassinenfreund gegen Erfolg, Ruhm und Gold. Ihre Heiligkeit wird die Sixtinische Kapelle in spätestens einem Jahr zur Ausschmückung für die angesehensten Künstler des Landes öffnen. Was könnte Leonardo unsterblicher machen, als der Kirche zu dienen und Büsten und Fresken zu schaffen, die noch in Jahrhunderten bewundert werden?“ Riario lachte, hob seinen Becher und prostete Piero siegessicher zu. „Appellieren Sie an das, wonach es Ihren Sohn giert, amico mio, und Sie werden bekommen, was wir brauchen: den Namen unseres größten Feindes in Florenz!“